so könnte man die Stimmung umschreiben die bei dem Treffen zur „Zukunft des Karolinenviertels“, das gestern abend in der galerie genscher stattfand herschte. an die hundert leute versammelten sich und arbeiten konstruktiv an einer gemeinsamen vision: 900 wohneinheiten und 300 gewerbeeinheiten die momentan unter der verwaltung der steg stehen und im vermögen der finanzbehörde ruhen in eine eigene verwaltung zu überführen.
das klingt trocken und langweilig, ist es aber nicht. den das karolinenviertel liegt so innenstadtnah, dass man vom balkon fast die füße in die alster stecken kann und viele der bewohnerInnen haben wenig geld. damit sie nicht aufgrund steigender mieten an den stadtrand gedrängt werden können braucht es viel schwung und mindestens gestern war er da.
ohne, das die verdutzten veranstalterInnen es geplant hätten,organisierte sich spontan ein zweites treffen am donnerstag den 9.06 um 19 uhr in der markst 138 wieder in der galerie genscher und leute verabredeten sich dazu, das ganze inhaltlich vorzubereiten. derzeit scheint es möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass bei diesem treffen schon eine genossenschaft gegründet wird, um dem ganzen von beginn an eine bedeutsame form zu geben. es wurde viel gelacht an dem abend und den ganzen heutigen tag drehten sich die gespräche in der nachbarschaft darum, wie es geschafft werden kann das viertel dem hektischen markt zu entziehen.
in einer zeit, in dem das idealbild „wohnen in der vorstadt“ sich zum idealbild „wohnen wo es lebendig ist“ gewandelt hat sind die innenstadtnahen viertel der großstädte ein hart umkämpftes terrain, denn nirgends lässt sich geld bei vergleichsweise geringem risiko so gewinnbringend anlegen wie dort. in münchen, so berichtete unlängst der deutschlandfunk, müssen werdende mieterInnen schon den maklern wohnungsbesichtungstermine bezahlen um überhaupt eine chance zu haben.
warum sollte man der iba, der saga, der steg und der stadt das recht auf vision lassen? und warum sollte man klaglos das viertel in die hände der saga übergehen lassen, die nicht zu letzt kraft ihre gewinne aus mieteinnahmen nicht unerhebliche teile der elbphilharmonie mitfinanziert hat? die saga macht es vor, wie man aus armen leute reichtum schöpft und ihn in die wirtschaft steckt um dann darauf zu hoffen, dass dieser reichtum wieder nach unten sickert, weil die wirtschaft ja bedarf an arbeitern und gütern hat, die sie den armen leuten abkaufen oder wie man auch sonst den soviel beschworenen „trickle-down“-effekt beschreiben will.
im karoviertel soll, nach dem motto „danke wir helfen uns selbst“ dieser lange weg der gesellschaftlichen umverteilung nun abgekürzt und mit den mieten die eigene verwaltung und die instandsetzung der häuser finanziert werden, so dass die mieten gering sind und es sich alle, die nicht ihr ganzes geld fürs wohnen raushauen wollen oder können leisten können hier wohnen zu bleiben oder im besten fall hier hin zu ziehen.
wir sind froh, gestern teilgenommen zu haben und glauben, dass es an der zeit ist, dass mieterInnen als ernstzuunehmende politische und ökonomische subjekte auf die plateaus der stadtplanung treten und sich diesen raum aneigenen.
Karolinenviertel: Übernehmen Sie!
ps: was ist so toll an so einem viertel? zum beispiel die mischung: hier wohnen millionärInnen neben flaschensammlerInnen, es werden ziemlich viele unterschiedliche sprachen gesprochen, von missingisch zu hochdeutsch, von akademisch zu proletarisch (wenns das noch so gibt) von englisch und spanisch zu deutsch und türkisch von romanes zu italienisch es gibt sogar minoritätensprachen wie schwäbisch, sächsisch und rheinländisch. das viertel lebt genauso von der starken fluktuation seiner bewohnerInnen wie von der kontiunität die andere bewohnerInnen herstellen und vor allem lebt es davon, dass viele leute versuchen miteinander klarzukommen, weil offensichtlich ist, dass man die unterschiedlichkeit freundlich überbrücken muss, wenn einem selber das viertel nicht zu eng werden soll.


