no bnq lässt nicht locker

nein, sie laden ein zum runden tisch und wir sind sehr vergnügt damit.
recht auf stadt und einen lebenswerten alltag für alle.

und hier unsere solidarische spiegelung der pressemitteilung:

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Konflikt um das „Bernhard Nocht Quartier“ der Investoren Köhler & von Bargen auf St.Pauli ist ungelöst. Deshalb lädt die Interessengemeinschaft NoBNQ für den 25. Mai zu einem Runden Tisch ein.

Ziel ist es, mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen, Transparenz herzustellen, die Ideen und Vorstellungen kennen zu lernen und gemeinsam mit Stadtteil, Politik, Behörden, alten und neuen Eigentümern nach Lösungen zu suchen, die den BewohnerInnen des Viertels gerecht werden.

Eingeladen sind:

– Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils und Interessierte
– die Immobilieninvestoren Köhler & von Bargen
– die angehende Besitzerin der geplanten Neubauten, die VBL (Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder)
– die am Erwerb von Teilen des Quartiers interessierte Lawaetz-Stiftung
– die Senatorin für Stadtentwicklung und Umwelt
– der Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte
– der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Regierungsfraktion in der Bürgerschaft
– der stadtplanungspolitische Sprecher der Regierungsfraktion der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte

Der Grund:

Trotz zahlreicher Konzessionen, die Politik, Behörden und Besitzer auf Druck der Nachbarschaft und der wachsenden Recht auf Stadt Bewegung gemacht haben, gibt es einen grundsätzlichen Dissenz zwischen dem, was im Stadtteil für wünschenswert und notwendig gehalten wird, und dem, was nach den jetzigen Plänen entstehen soll.

Die Interessengemeinschaft NoBNQ ist der Ansicht, dass insbesondere der Handlungsrahmen der Politik bisher keineswegs ausgeschöpft wurde, die Turbo-Gentrifizierung von St. Pauli aufzuhalten.

Sicher, die soziale Erhaltungsverordnung ist in der Mache, doch reicht weder diese noch der zusammengeschrumpfte Rahmen städtischer Förderung sozialen oder genossenschaftlichen Wohnungsbaus aus, um die rasante Aufwertungs- und Verdrängungswelle aufzuhalten, die Hamburgs bekanntesten Stadtteil erfasst hat. Angetrieben durch Prestigebauten wie „Astraturm“ oder „Tanzende Türme“ schießen die Grundstückspreise spekulativ durch die Decke und stehen in keinem Verhältnis mehr zu den Kosten, die für Bau oder Erhalt von Häusern eigentlich nötig sind.
Die vom Staat zum Ausgleich angebotenen Fördermittel richten sich an ökologiebewusste Mittelschichten oder sind verdeckte Subventionen des Immobiliengewerbes – mit sozialem Etikett. Diejenigen, die derzeit aus St.Pauli herausgedrängt werden, haben nichts davon. Leute, die am Mietmarkt besonders benachteiligt sind, werden aus nachbarschaftlichen Bezügen herausgerissen. St.Pauli verliert sichtlich an Charakter, die Einwohnerstruktur ändert sich rasant, die soziale Spaltung der Stadt schreitet voran.

NoBNQ sieht die Politik in der Pflicht, hier und jetzt tätig zu werden. Das Bernhard Nocht Quartier steht inzwischen als Symbol für eine verfehlte Stadtplanungspolitik im Zentrum der Kritik. Die Dokumentation der Proteste ist inzwischen schon so dick wie 2 Telefonbücher. Und allein im laufenden Jahr drehten sich gleich mehrere Demonstrationen und Aktionen um die Immobilie:

– rund 50 Kneipen in St. Pauli beteiligten sich im Januar an einem „BNQ“-kritischen Themenabend („Gentropoly – Don‘t let the big man take it away from you“),
– am 23. Januar wurde vom Gängeviertel zum „Bernhard-Nochtquartier“ quer durch die Stadt um Fördermittel geboßelt („Klootscheeten för Födderkröeten“),
– spontan protestierten im Februar knapp 3000 Fans des FC St.Pauli vor der Immobilie („Reclaim St.Pauli“),
– am 11. Februar: grosse Solidaritätsparty im „Planet Pauli“ gegen Investorenphantasien und Abrisspolitik – für den Erhalt der Esso Häuser Spielbudenplatz und das „Konzept zur freundlichen Übernahme“ / NoBNQ (Tanz der Häuser),
– im selben Monat drückten Bürger ihre Ablehnung aus, indem sie in einem sportlichen Wettstreit rund 800 gefüllte Müllsäcke auf das Grundstück warfen („The Big Blue“),
– am 28. April wurde die NoBNQ-Plakat-Kampagne mit einem gut besuchten Solidaritäts-Lese-Walk gelauncht,
– am 30. April zogen rund 7000 UnterstützerInnen der Roten Flora auch zu dieser Baustelle und wurden von Balkonen und Dächern mit einer Konfettiparade begrüßt („Stadt selbst machen“),
– am 1. Mai wurde das „Bernhard Nocht Quartier“ von etwa 3000 Teilnehmern des Euromayday besucht und thematisiert („Die Stadt ist unsere Fabrik“).

Auf den Straßen werden inzwischen die Reste des alten St.Pauli feilgeboten – Abrissteine aus der Bernhard Nocht Strasse, liebevoll in Cellophantütchen verpackt: Wehmütige Souvenirs, die den Touristen verkauft werden, wie einst die Graffiti-besprühten Brocken der Berliner Mauer.

Denn neben der Chance auf bezahlbaren Wohnraum schmerzt der Verlust eines der erfinderischsten und lebendigsten Viertel des Landes. Um hier einen Ausgleich vorzuschlagen, haben Nachbarinnen und Nachbarn das „Konzept zur freundlichen Übernahme“ entwickelt. Dieses integriert den Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum in ein Gesamtkonzept, das die Gewerbeflächen des Quartiers als „Ressource für den Stadtteil“ funktionieren lassen will, als Plattform der Produktion und des Austauschs, wo das lokale Wissen sich entfalten kann und genutzt wird und wo Menschen mit unterschiedlichem Bildungs- oder Kultur-Hintergrund sich gegenseitig schlauer machen.

Fachleute für integrierte regionale Stadtentwicklung und Urban Design ebenso wie NachbarInnen, VerlegerInnen, MusikerInnen und UnternehmerInnen, attestieren der Planungsinitiative „von Unten“ genau die Qualitäten, die sie in den teuer und städtisch initiierten „IBA“– und „Kreativ Quartiers“-Konzepten vermissen: die Verbindung von zukunftsträchtiger Innovation und sozialer Verantwortung, von Bildung und lokaler Ökonomie.

Bei Stadt, Bezirk und Behörden stieß das Konzept allerdings auf taube Ohren. Die Gespräche mit der BSU über Fördermöglichkeiten brachen mit dem Ende der schwarz-grünen Koalition ab. Vom Bezirk wurden die Investoren gefördert und die Umsetzung des Konzepts mithilfe einer großen Genossenschaft wurde behindert.

Um die Lücke zu füllen zwischen dem verlangten spekulativen Kaufpreis auf der einen und der möglichen Finanzierung durch dauerhaft soziale Mieten auf der anderen Seite, ist die Stadt am Zug. Warum werden die Mittel aus den Wirtschaftsförderungs- und Stadtentwicklungstöpfen nicht einmal dort investiert, wo sie von den NachbarInnen tatsächlich erwünscht werden?

NoBNQ lädt zum Runden Tisch ein: denn die Stadt hat nicht nur etwas gut zu machen, sie hat auch etwas zu lernen.

Voller Erfindungsreichtum brechen Menschen auf und fordern die staatlichen Institutionen und Programme heraus. Der Protest wächst – ob in der profunden und vielfältigen „Recht auf Stadt“ Bewegung in Hamburg (Düsseldorf, Frankfurt, Dortmund, Berlin, Istanbul, Tel Aviv, New York, Neu Delhi…) oder ob im Protest gegen Stuttgart 21 – die Menschen wissen: der Markt allein wirds nicht richten.

Die Politik ist gut beraten, den Ball, der ihr zugespielt wird, aufzunehmen. Wir werden uns nicht mit unverbindlichen Dialogangeboten hinhalten lassen. Den parteiübergreifenden Wahlkampfversprechen, die Hamburger Wohnungskrise lösen zu wollen, müssen Taten folgen. Die Vitalität einer Stadt zeigt sich auch daran, ob ihre Institutionen in der Lage sind, eine Resonanzfähigkeit zu entwickeln, gute Ideen aufzunehmen, zu fördern und unverfälscht umzusetzen.

Das „Bernhard Nocht Quartier“ ist ein ganz konkreter Prüfstein, an dem sich zeigen wird, ob die Stadt und ihre Investoren die Zeichen der Zeit verstanden haben.

Runder Tisch: 25. Mai, 17 Uhr, Ort wird noch bekannt gegeben.

Mit freundlichen Grüßen,

Interessengemeinschaft NoBNQ