Kategorie: OT

OT4


peerstallDenn das ist wie sie starb. Ein Herzinfarkt im Transit. Im Zug zwischen Wien und Hamburg. Einmal im Monat, legte sie die zweitausend Kilometer hinter sich. Fuhr die Verbindung ab und kaufte Nachschub an Käsewürsten. Die Fahrten gehörten zu dem Glamour, der sie umgab. Ein Leuchten, dass ihrem Sinn für Details entsprang. Ihre Kneipe war eine Kneipe und nichts anderes. Sie hatte nichts von einem Kaffeehaus, sie war keine Bar, kein Musikschuppen. Zu essen gab es Butterbrot und auf Wunsch Käsewurst. Es gab eine Jukebox, die keine Rücksicht auf allgemeingültigen Geschmack nahm. In den Regalen stand der Alkohol, den man für lange Nächte brauchte und an trüben Tagen genoss. Die Kneipe, erinnerte mich an die Kneipen in meiner Geburtssstadt, wo Frauen nur reingingen, wenn sie ihre Männer abholen wollten, die Skat spielten und Soleier assen bis das Mittag- oder Abendessen auf sie wartete. Vor allem an die ‚Bauernschänke’ in der mein Vater seine Tage mit den ‚alten Kameraden’ verbracht hatte, und in die ich nach der Schule immer ging, um ihm noch ein wenig Taschengeld zu entlocken. Wie stolz er war, wenn ihn die anderen für meinen Opa hielten, wie fremd ihn mir die mitgehörten Fetzen von ‚Bomben’, ‚Schützengräben’ und anderen Unaussprechlichkeiten gemacht hatten. Hier auf dem Kiez hingegen war der Laden tagsüber fast leer und ich fragte mich im Laufe der Jahre oft, warum sie ihn überhaupt tagsüber öffnete. Meine häufigste Antwort war, dass auch ihr der fast leere Raum die Möglichkeit gab mit Gespenstern zu leben, ohne von ihnen berührt zu werden. Als wären die Staubtänze und gelegentlichen Rauchschwaden Leinwände für Projektionen vergangener Zeiten.

Das erste Mal begegnete ich ihr an einem Tag voller lautem Sonnenschein, endlos blauen Himmel und gut gelaunten Leuten, die den Sommer in der Stadt feierten, als käme er nie wieder. Ich fuhr ich mit meinem wenig gepflegten Dreigangrad auf dem Kiez herum und machte mir eine innerliche Notiz darüber, dass ich mich am nächsten Tag mal um die Acht im Hinterrad kümmern müsste und wenn ich schon dabei war, sollte ich wohl auch die Gangschaltung so einstellen, dass das Rad nicht mehr nur im Dritten fuhr. Die ausgeschalteten Leuchtreklamen strahlten eine staubige Dienstmüdigkeit aus. Es fuhren nur wenige Autos. Am Tag gab es nur zwei oder drei belebte Orte hier. Der kleine Bäcker in der Silbersacktwiete, die Spielhalle LasVegas, die rund um die Uhr geöffnet war und ein Imbiss in der Seilerstr, der die besten Pide der Stadt hatte. Zunächst fuhr ich dort hin, hatte dann aber keinen Hunger und lies mich treiben. Bei Licht nahm ich die Häuserfassaden über den sonst so imposant wirkenden Etablissements wahr und entdeckte noch in den frühen Neunzigern, die Spuren des zweiten Weltkriegs.Bomben und Brände hatten Schneisen geschlagen, so dass nur in wenigen Strassen rund um die Reeperbahn intakte Gründerzeitensembeles zu sehen waren. Meist ragten die alten Häuser als Solitäre zwischen flachen Bauwerken der folgenden Jahrzehnte hervor und verwiesen auf die lange Geschichte des Ortes. Ich wusste nicht so recht wohin mit mir. Dieser Zustand war schon chronisch.Zwei Jahre nach der Kleinstadt, war mir immer noch nicht klar, was ich in und von Hamburg wollte. Ausser natürlich, dass es bedeute nicht mehr da zu sein, wo ich herkam.

Der Rhythmus der siebzigstunden Wochen, die ich durch Schule, Erwerbsarbeit, politisches Engagement und Hobbys gehabt hatte war weggefallen und die Tage leer. In Hamburg war, bis auf die Käseüberbackerei, mit der ich Miete und Essen reinholte alles Möglichkeit und nicht Zwang. Nichts schien zu passen. Entweder kamen mir die Orte, Dinge, Ereignisse seltsam leer vor oder ich kam mir seltsam vor. Seltsamkeit war hier zu meinem zweiten Namen geworden. In der Kleinstadt hatte ich nicht dazugehört, aber das war anders. Ich hatte genau gewusst, was ich ablehnte und wo ich abgelehnt wurde und dass ich, mein Heil früher oder später in der Flucht suchen würde. Hier hingegen, am Ziel der Flucht, hatte ich noch nicht mal Widersacher. Ich war den ganzen Tag schon planlos durch die Stadt geirrt und hatte gehofft auf der Reeperbahn ein wenig Abwechselung von dem „Hey, ist das schön, das Wetter ist so toll, wollen wir an der Elbe grillen“- Unwesen meiner Mitmenschen zu finden, vor allem meiner beiden Mitbewohnerinnen. Erika hatte heute, nach einer Woche voller Nachtdiensten frei und lag im Stadtpark und Sabrina sass gerade im Philturm bei ihrem Logikseminar um danach an die Alster zu fahren, wo sie zum Federballspielen verabredet war. Ich hatte, wie fast immer, keinen genauen Plan und so fand ich mich nun hier wieder, wo das rege Nachtleben dafür sorgte, dass auch die Tage eine andere Taktung hatten als im Rest der Stadt. Und meine Hoffnung auf Sommervergessen hatte mich nicht getrogen. In der Clemens-Schulzstrasse war die Tür einer Kneipe geöffnet, bei der schon die Fassade so dunkel aussah, dass sie mich magisch anzog. „Toom Peerstall“, zum Pferdestall also.

Der Laden war, bis auf sie, komplett leer. Ich ging rein und liess den Raum in seinem Halbschattenlicht auf mich wirken. Drei Tische hintereinander auf der linken Seite, dahinter die Jukebox, in einer Nische vor dem nikotinfarbenen Türrahmen, der den Weg zu einem dunklen Gang freigab der Indiana Jones Flipper, der in den kommenden Monaten meine Rettung vor den Anforderungen der Welt sein würde. Rechts der Tresen, sie guckte mich an. Ich guckte sie an und ging zu ihr, setze mich auf einen der Barhocker, guckte auf die Flaschen- und Gläserregale und bestellte einen Kaffee. Meine Stimme klang komisch, irgendwie zu hoch. Das passierte mir öfter, genauso wie die schwitzigen Hände, mit denen ich jetzt meinen Kaffee in einer dicken schmucklosen Tasse entgegennahm. In ihren Kaffee habe ich mich sofort verliebt, er kam aus einer dieser elenden Maschinen mit Warmhaltefunktion, die noch das beste Aroma zu einem bitteren Gebräu mittlerer Hitze verwandeln konnte. Sie war Wienerin, und sie servierte ihn ohne mit einer ihrer künstlich verlängerten Wimpern zu zucken. Sie war im Exil, sie hatte sich dafür entschieden und man konnte es schmecken.
Durchs das Fenster hinten war zu ahnen, dass die Sonne weiterhin schien, aber sie belästigte mich nicht mehr. Meine Schultern sanken herab, ohne dass ich vorher bemerkt hatte, wie nah an meinen Ohren sie gewesen waren. Während ich vom Tresen zu einem der Tische ging und mich mit dem Rücken zum Fenster und dem Gesicht zu ihr hin setzte versuchte ich nichts umzustossen um keinen schlechten Eindruck zu machen. Das Getränk schwappte über, aber das war der einzige Fehler, der mir auf dem kurzen Weg unterlief und ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkte. Sie sass hinter dem Tresen den Kopf auf die Hände gestützt und sah zur Tür. Ihr Gesicht mit seinen vielen Falten unter der ausgeleierten Dauerwelle lag friedlich wie eine Landschaft im Morgengrauen da. Die Ruhe die sie hatte erinnerte mich an endlose Hügelketten über denen sich noch rauchblau die Luft aufwärmte um zum Tag zu werden. Es war das Selbstvertrauen von jemanden, der viel gesehen und wenig bewertet hatte. Es lief keine Musik und ich konnte das Rauschen der Strasse so gut hören, wie das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren. Ausnahmsweise kein bedrohlicher Klang, mehr einer der vielen Rhytmen, die die Großstadt ausmachten. Hier war ein friedlicher Ort. Ich zog das Buch über Körpertherapie aus meiner Tasche und las: „In diesem Buch geht es nicht darum, den Weg zur Erleuchtung zu weisen.“ Insgesamt war das so mit der Theorie: Es gab strahlende Menschen, die ganz mit ihrer Energie im Einklang waren und wo alles sich im „Flow“ befand, und es gab Leute im vollen Körperpanzer mit Stauungen und Stockungen, die den anderen ihre Energie rauben wollten. Ich wusste, von der Erleuchtung war ich weit entfernt und ich konnte nur eins von denen mit der Muskelrüstung voller unguter Erinnerung sein. Hildegard Knef fing an zu singen: „’Ich brauch Tapetenwechsel’, sprach die Birke und macht sich in der Dämmerung auf den Weg“. Ich klappte das Buch zu. Die Birke wanderte von ihrem Wald in die Stadt und endete dort als Möbelstück. Als solche stand sie in der Ecke und Hildegard Knef kam zum Refrain zurück: „Ich brauch Tapetenwechsel …“. War es das, was mit mir passierte? Sollte auch für mich das Versprechen der Großstadt in der Starre enden? Die Tür ging auf. Jemand kam rein, ich traute mich nicht hinzugucken. Ich wollte weder aufdringlich sein noch mich aus der Stimmung des Nachmittages holen lassen. Aus der Rückansicht der Person, die gerade zum Tresen ging und mit einem Kaffee begrüßt wurde, ohne dass sie ein Wort hätte sagen müssen, erkannte ich, dass es eine Frau war. Seltsam beruhigt holte ich eine meiner Mentholzigaretten aus der Schachtel und zündete sie an. Die Birke war endgültig verschwunden und zu dritt im Raum fand ich die Stille anders, schwerer zu ertragen. Nach zwei Zügen stand ich auf und ging zur Jukebox. Das einzige Lied, das ich kannte, war „I am what I am“. Keine schlechte Antwort auf die Birke. Ich warf die Münze, drückte die Zahl und zog mich an den Tisch zurück. Am liebsten hätte ich mich jetzt mit dem Rücken zum Tresen gesetzt, aber ich wusste nicht, wie ich das geschickt hätte tun können. Also setzte ich mich auf meinen alten Platz. Noch ein Zug Menthol und ein suchender Blick durch den Raum, bis ich, direkt neben mir auf dem Stuhl eine Morgenpost fand, in die ich mich vertiefte. Die Zeitung gab mir die Möglichkeit, noch ein bisschen länger zu bleiben und ich las jeden Artikel während mein Kafee kalt wurde. Gloria Gaynor dröhnte dazu aus vollem Hals, wie sie ihr eigenes Blatt austeilte und darin lauter Asse waren und wie sie sich selbst schuf, eine echt spezielle Kreation. Das wollte ich auch sehr gerne, wusste aber nicht genau wie. Stattdessen las ich mal wieder darüber wie in der Flora die Autonomen eine Keimzelle der Anarchie aufbauten. Leider hatte schon jemand das Kreuzworträtsel gelöst und die Zeitung war schnell ausgelesen. Danach ging ich zum Tresen. Ließ mich angucken, guckte, lächelte den beiden zu, konzentrierte mich auf die Münzen in meinem Portemonnaie und darauf, keine von ihnen fallzulassen und ging dann raus in die anbrechende Dämmerung. Die Straßen hatten sich in der Zwischenzeit mit den ersten Vergnügungssuchenden gefüllt und ich fügte mich in den Strom ein. Bei der nächsten Mülltonne, die ich sah, machte ich halt und warf das Körpertherapiebuch weg, auf dass es sein Licht einer Müllkippe spendete.

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OT3

SAMSUNG„Abrakadraba Mr Open Sesame“ Ich hatte die Tanzfläche für mich. Ich hatte das Strobolicht für mich. Meine Beine flogen. Ich nutzte den Raum. Eine Parade über den silbrig schimmernden Untergrund. Ein Sprung, die Arme in der Luft – wenn es gut lief, war ich eins mit der Musik. Die Beats trugen mich weg, von der ständigen Selbstbeobachtung, dem Hinterfragen jeder einzelnen meiner Bewegung. Leila K hypnotisierte mich, jedes ihrer Worte schien unmittelbar Sinn zu machen. „Don’t go run, when your mind can’t work“. Das war ein Schlüssel zu einer anderen Welt. London, Paris, New York oder eben Hamburg St. Pauli. Auf jeden Fall weit, weit weg von den Mauern der Kleinstadt.

***

Wenn es allerdings schlecht lief, fühlte ich die Blicke der Umstehenden auf mir die mir signalisierten, was ich eh schon wusste: Dass der kollektive Körper mich immer ablehnen würde, egal welches Kollektiv. Diese Blicke, die mich in einen Teil der sich bewegte und einen Teil der jede Bewegung auf ihre mögliche Lächerlichkeit hin untersuchte zerissen. Manchmal war ich mir unsicher, ob sie ein visuelles Echo der Kleinstadt waren, ein Loop der Provinz. Egal ob erinnernt oder gegenwärtig: Ein halbes Jahr nun ging ich jeden Samstag ins Camelot und war noch nie mit jemanden ins Gespräch gekommen. Weder an der Bar, noch auf der Tanzfläche, nicht am Rand stehend und nicht in der Schlange vor den Toiletten. Die Blicke hier waren so, dass sie sich festbissen, wenn man nicht drauf achten wollte und an einem abglitten, wenn ich versuchte sie zu konfrontieren. Das Hamburger Camelot war anders als König Artus Schloss nicht aus Steinen gebaut, es war ein Gebilde aus Coolness und Checkertum und jede Fassade war so rutschig, dass man an ihr abglitt, wenn man ins Stocken geriet und nach Halt suchte.

***

Der Club, war eine berühmte Lesbendisco und lag am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn, die eine, selbst für diese Gegend herausragend bunte Mischung an Gastronomie bot. Wenn ich von der U-Bahn Reeperbahn hier her kam, wusste ich nicht, wohin ich zuerst gucken sollte. Die Leuchtreklamen und Schaufenster lockten meine Aufmerksamkeit auf sich und ich vergass den langen Tag in der Buchhandlung, in der ich angefangen hatte, nachdem mir die Croquebäckerei aus dem Halse hing, das kleine Zimmer in Barmbek, mein mühsehliges Versuchen mir hier ein Leben aufzubauen, von dem ich nicht wusste, wie es aussehen sollte. In den Souterrains, Erdgeschossen und Beletagen der Gründerzeithäuser tummelten sich Kneipen wie der „Goldenen Handschuh“, der „Blaue Peter“, das „Spar“, die Bar „Toleranz“ und viel mehr. Die Kneipen waren so unterschiedlich, wie die Leute, die den Hamburger Berg bevölkerten. Hier fühlte ich mich wohl. Vom „Goldenen Handschuh“ munkelte es, dass es dort gefährlich sei, weil Kiezgrößen und Trickbetrüger sich mit Hafenarbeitern und Touristen mischten. Jeder, den ich kannte wusste eine Geschichte über Abzockereien oder Schlägereien aus dem Laden zu berichten, kaum jemand war je drin gewesen. Gegenüber vom „Golden Handschuh“ das „Spar“ ein Laden der eigentlich nur aus einem hufeisenförmigen Tresen bestand und der als „Punkerkneipe“ galt. Vor dem Spar hingen meistens Leute rum, und lehnten mit ihren Bierflaschen an den parkenden Autos. Eine davon kannte ich und wir nickten uns immer kurz zu, wenn ich an ihr vorbei ging um ins Camelot zu kommen. Ich fand sie gut aussehend, war mir aber sicher, dass sie keine Lesbe war, sonst würde sie ja nicht ins Spar sondern ins Camelot gehen. Die Disko meiner Wahl lag im ersten Stock über dem Tempelhof, der berühmt war für seine TripHop und elektronische Musikabende. Nachts, wenn ich keinen House mehr hören konnte und mich die Gleichgültigkeit der coolen Camelotclique endgültig nervte, ging ich gerne runter in den Tempelhof, die Musik war mehr mein Geschmack und es gab dort einen Flipper. Ich liebte Flipper. Flippern, das hieß das Soziale vergesssen können und sich einfach nur auf eine kleine silberne Kugel konzentrieren. Flippern, das war Musik hören und sich dazu bewegen, ohne die Angst zu haben mal wieder im Offbeat zu sein. Flippern war das Gegenteil von Entfremdung. Es war was zu tun. Wenn ich es recht bedachte, mochte ich ungefähr jede Musik lieber, als die trendige Kaufhausmusik im Camelot. Ich mochte den Soul im Soulkitchen, mir gefiel der Punk im Spar, ich konnte mich dabei ertappen im Gunclub fröhlich zu Independendklassikern zu wippen und auch mit den Schlagern im La Paloma kam ich irgendwie klar. Nur Plastikhouse, fand ich langweilig. Leider musste man sich entscheiden: Angenehme Musik und heterosexuelles Publikum oder doofe Musik und Lesben. Da ich mich irgendwie entschieden hatte lesbisch zu sein, musste meine Musikvorlieben halt Samstags leiden und ich musste und wollte Szenen ertragen wie die, als ich eine Frau darum bat mir Feuer zu geben und sie mir mit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Gesicht ihr brennendes Feuerzeug hinhielt, so kurz, dass ich nur knapp die Zigarette anbekam, lang genug um mich ihre Ablehnung jeglicher Kontaktaufnahme spüren zu lassen. Es war eine Welt der Abenteuer und ich 20.000 Meilen unter dem Meer.

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OT2

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Wach war ich noch nicht richtig. Hunger hatte ich aber schon. Und ich wollte raus aus der Wohnung, in der mein Bruder zwei Zimmer weiter schlief. Die Stadt, die mein Zuhause werden sollte, machte mich unruhig. Aus den Sprossenfenstern des kleinen Zimmers neben der WG-Küche sah ich, dass die Sonne schien, zog mich an und machte mich auf nach draußen. Ich ging vom stillen und mit selbstgebastelten Beeten verschönten Paulsenplatz durch die Mistralstraße und ignorierte den kleinen Lebensmittelladen dort. Die Brötchen schmeckten nicht und waren zu teuer. Dann ging es über die mit Autos dichtgepackte Stresemannstraße und eigentlich zum Schulterblatt. Ich wusste, dass ich dort Käse, Brötchen und Zeitung bekommen würde und ich war mir sicher, den Weg zurück ohne Stadtplan zu finden. Plötzlich wurde Hamburg allerdings furchteinflößend. In der Susannenstraße stand ich einer Reihe heftig uniformierter Polizisten gegenüber, die mir meinen Weg zu den sicheren Backwaren versperrten.

„Sie kommen hier nicht durch.“
„Wie bitte? Warum nicht.“
„Hier ist gesperrt.“
„Aber ich muss zum Einkaufen“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Sie waren größer als ich und doppelt so breit. Ich meine, jeder von ihnen. Mit ihren Schulterpolstern und Riesenbrustkörben, ihren Knieverstärkungen und Schienbeinschonern sahen sie unwirklich aus. Wie Roboter in einem Batmancomic. In Düsseldorf oder bei unseren selbstorganisierten Schülerdemos hatte ich solche noch nie gesehen. Ich kam nicht an ihnen vorbei. Ich hatte Hunger.

„Und wie soll ich jetzt an Brötchen kommen?“
„Sie können hier nicht durch.“
„Was ist denn überhaupt los?“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Das Sprachprogramm war offensichtlich eingeschränkt. Ich gab auf und ging zurück auf die Stresemannstraße. Nach rechts runter ging es Richtung Innenstadt, nach links nach Altona, soviel hatte Bernhardt mir erklärt. Ich ging nach rechts und versuchte in der Lerchenstraße noch mal mein Glück. Wieder das gleiche Spiel:
„Sie können…“
„Ja, ja, schon gut.“
Das wurde wohl ein längerer Ausflug und ich hoffte, dass Bernhardt noch nicht aufgestanden war. Nicht dass er sich noch Sorgen um mich machte. Andererseits hatte er den Konflikt ja von Anfang an mitbekommen und wusste, wie unberechenbar die Situation derzeit war. Er hatte mir erklärt, es gehe um die Flora, ein Gebäude in dem früher mal ein Theater war, dann ein Kino und bis vor Kurzem ein riesiges Geschäft mit Haushaltswaren. Nun sollte da ein Musicaltheater rein – „Phantom der Oper“ – und die Leute haben sich gewehrt und das Haus besetzt. Ich war da schon öfter vorbei gegangen und hatte immer welche gesehen, die gerade an einer Art Park hinter dem Gebäude arbeiteten. Durch die Zäune ums Gelände habe ich mich nicht getraut, weil ich nicht wusste, was hätte sagen sollen, wenn mich jemand was gefragt hätte und jetzt mit den Polizeiketten traute ich mich erst recht nicht dahin. Es war ein zerrissenes Gefühl. Einerseits hätte ich gerne da mitgemacht. Ein Haus besetzt. In meiner Kleinstadt kannte ich mehrere Punks in besetzen Häusern und es hatte mir dort gut gefallen. Besser als Zuhause. Immer hatte ich davon geträumt abzuhauen. England war mein Ziel und ein Teil der Planung wäre das Wohnen in besetzen Häusern auf dem Weg dorthin gewesen. Und jetzt gab es hier eine frische Besetzung, aber ich wusste einfach nicht, wie ich mich ihr nähern sollte und die Polizei sagte deutlich, dass dort niemand etwas zu suchen hätte. Es waren ja nicht nur die Ketten. Die Zeitungen, die ich täglich las, berichteten vom „Krieg in der Schanze“ und den „gewaltbereiten Autonomen“ und ich war, obwohl wenige das von mir glaubten, schüchtern. Mir fiel es ja schon schwer, in einen Laden zu gehen und irgendetwas zu bestellen. Wenn die Leute meinen Dialekt nicht verstanden, war es, als würden sie ein Loch unter mir graben und ich konnte froh sein, wenn ich es mit dem gewünschten Produkt aus dem Geschäft heraus schaffte. Mit dem gleichen Dialekt dann zu BesetzerInnen zu gehen, stellte ich mir ungefähr so vor:
„Kann isch hier wat mitmachen?“
„Häh?“
Grauenvoll. Also ließ ich es und beobachtete stattdessen interessiert bis verängstigt die Geschehnisse.

Gestern Nachtmittag hatte ich auf dem Küchenbalkon der Altbauwohnung gesessen, in der Bernhardt mit zwei anderen wohnte, und staunend die 20 Transporter der Polizei gezählt, die den kleinen Platz vollkommen zustellten. Über dem Viertel waren Hubschrauber geflogen und ich überlegte, wie ich wohl am nächsten Montag zu der Kneipe in der Hallerstraße kommen sollte, in der ich ein Vorstellungsgespräch hatte.

Am Pferdemarkt dann endlich kam ich aufs Schulterblatt, und auch die fünfhundert Meter bis zur Bäckerei Stenzel waren passierbar, Dort versorgte ich mich mit Croissants, Franzbrötchen und Brötchen. Draußen an ihrer Glastür hatten sie ein Schild hängen, „Für Polizisten kein Kaffee“, und ich fand das sympathisch. Mit den Brötchen bewaffnet ging ich noch zum Käseladen gegenüber, kaufte ein und blickte aus dem Fenster auf die Kopfsteinpflasterstraße, auf der sich neben der Bank schon wieder Ketten von Polizisten formierten. Sie schienen überall zu sein. Als würden sie aus den Gullis wachsen. Mist, dabei hatte ich in dem kleinen portugiesischen Weinladen noch einen Milchkaffee trinken wollen. Aber, da kam ich wohl auch wieder nicht hin. Also zurück zum Pferdemarkt.

„Hier kommen Sie nicht durch.“
„Ich muss aber nach Hause.“
„Dann zeigen Sie mir ihren Ausweis.“
Ich kramte in meiner Tasche, zog den Perso raus und wusste schon, was jetzt kommen würde:
„Aber Sie wohnen doch im Rheinland.“
„Nein, ich wohne hier, am Paulsenplatz.“
„Dann müssen Sie sich aber schleunigst ummelden.“
„Habe ich ja vor, aber jetzt möchte ich nach Hause.“
„Tja, dann müssen Sie wohl durch die Juliusstraße zur Sternschanze und über die Altonaerstraße wieder zur Stresemann.“
„Herzlichen Dank für die Wegbeschreibung.“ Oh, Mann. Und ich war auch noch darauf angewiesen, von diesen Kriegsgestalten Orientierungshilfen anzunehmen.

Bernhardt empfing mich an der Tür, als ich es eine Stunde später wieder in die Altbauwohnung mit ihren sagenhaften drei Balkonen und dem Therapiezimmer mit eigenem Eingang vom Hausflur geschafft hatte. „Wo warst du denn? Ich muss jetzt zur Uni. Besprechung mit meinem Prof. Hier ist der Schlüssel. Den hat mir Ann-Kathrin gestern wiedergegeben. Pass gut drauf auf. Hast du da Franzbrötchen?“
Ich gab meinem Bruder eins und er rannte los, noch bevor ich ihm von der Polizei erzählen konnte.

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