OT3

SAMSUNG„Abrakadraba Mr Open Sesame“ Ich hatte die Tanzfläche für mich. Ich hatte das Strobolicht für mich. Meine Beine flogen. Ich nutzte den Raum. Eine Parade über den silbrig schimmernden Untergrund. Ein Sprung, die Arme in der Luft – wenn es gut lief, war ich eins mit der Musik. Die Beats trugen mich weg, von der ständigen Selbstbeobachtung, dem Hinterfragen jeder einzelnen meiner Bewegung. Leila K hypnotisierte mich, jedes ihrer Worte schien unmittelbar Sinn zu machen. „Don’t go run, when your mind can’t work“. Das war ein Schlüssel zu einer anderen Welt. London, Paris, New York oder eben Hamburg St. Pauli. Auf jeden Fall weit, weit weg von den Mauern der Kleinstadt.

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Wenn es allerdings schlecht lief, fühlte ich die Blicke der Umstehenden auf mir die mir signalisierten, was ich eh schon wusste: Dass der kollektive Körper mich immer ablehnen würde, egal welches Kollektiv. Diese Blicke, die mich in einen Teil der sich bewegte und einen Teil der jede Bewegung auf ihre mögliche Lächerlichkeit hin untersuchte zerissen. Manchmal war ich mir unsicher, ob sie ein visuelles Echo der Kleinstadt waren, ein Loop der Provinz. Egal ob erinnernt oder gegenwärtig: Ein halbes Jahr nun ging ich jeden Samstag ins Camelot und war noch nie mit jemanden ins Gespräch gekommen. Weder an der Bar, noch auf der Tanzfläche, nicht am Rand stehend und nicht in der Schlange vor den Toiletten. Die Blicke hier waren so, dass sie sich festbissen, wenn man nicht drauf achten wollte und an einem abglitten, wenn ich versuchte sie zu konfrontieren. Das Hamburger Camelot war anders als König Artus Schloss nicht aus Steinen gebaut, es war ein Gebilde aus Coolness und Checkertum und jede Fassade war so rutschig, dass man an ihr abglitt, wenn man ins Stocken geriet und nach Halt suchte.

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Der Club, war eine berühmte Lesbendisco und lag am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn, die eine, selbst für diese Gegend herausragend bunte Mischung an Gastronomie bot. Wenn ich von der U-Bahn Reeperbahn hier her kam, wusste ich nicht, wohin ich zuerst gucken sollte. Die Leuchtreklamen und Schaufenster lockten meine Aufmerksamkeit auf sich und ich vergass den langen Tag in der Buchhandlung, in der ich angefangen hatte, nachdem mir die Croquebäckerei aus dem Halse hing, das kleine Zimmer in Barmbek, mein mühsehliges Versuchen mir hier ein Leben aufzubauen, von dem ich nicht wusste, wie es aussehen sollte. In den Souterrains, Erdgeschossen und Beletagen der Gründerzeithäuser tummelten sich Kneipen wie der „Goldenen Handschuh“, der „Blaue Peter“, das „Spar“, die Bar „Toleranz“ und viel mehr. Die Kneipen waren so unterschiedlich, wie die Leute, die den Hamburger Berg bevölkerten. Hier fühlte ich mich wohl. Vom „Goldenen Handschuh“ munkelte es, dass es dort gefährlich sei, weil Kiezgrößen und Trickbetrüger sich mit Hafenarbeitern und Touristen mischten. Jeder, den ich kannte wusste eine Geschichte über Abzockereien oder Schlägereien aus dem Laden zu berichten, kaum jemand war je drin gewesen. Gegenüber vom „Golden Handschuh“ das „Spar“ ein Laden der eigentlich nur aus einem hufeisenförmigen Tresen bestand und der als „Punkerkneipe“ galt. Vor dem Spar hingen meistens Leute rum, und lehnten mit ihren Bierflaschen an den parkenden Autos. Eine davon kannte ich und wir nickten uns immer kurz zu, wenn ich an ihr vorbei ging um ins Camelot zu kommen. Ich fand sie gut aussehend, war mir aber sicher, dass sie keine Lesbe war, sonst würde sie ja nicht ins Spar sondern ins Camelot gehen. Die Disko meiner Wahl lag im ersten Stock über dem Tempelhof, der berühmt war für seine TripHop und elektronische Musikabende. Nachts, wenn ich keinen House mehr hören konnte und mich die Gleichgültigkeit der coolen Camelotclique endgültig nervte, ging ich gerne runter in den Tempelhof, die Musik war mehr mein Geschmack und es gab dort einen Flipper. Ich liebte Flipper. Flippern, das hieß das Soziale vergesssen können und sich einfach nur auf eine kleine silberne Kugel konzentrieren. Flippern, das war Musik hören und sich dazu bewegen, ohne die Angst zu haben mal wieder im Offbeat zu sein. Flippern war das Gegenteil von Entfremdung. Es war was zu tun. Wenn ich es recht bedachte, mochte ich ungefähr jede Musik lieber, als die trendige Kaufhausmusik im Camelot. Ich mochte den Soul im Soulkitchen, mir gefiel der Punk im Spar, ich konnte mich dabei ertappen im Gunclub fröhlich zu Independendklassikern zu wippen und auch mit den Schlagern im La Paloma kam ich irgendwie klar. Nur Plastikhouse, fand ich langweilig. Leider musste man sich entscheiden: Angenehme Musik und heterosexuelles Publikum oder doofe Musik und Lesben. Da ich mich irgendwie entschieden hatte lesbisch zu sein, musste meine Musikvorlieben halt Samstags leiden und ich musste und wollte Szenen ertragen wie die, als ich eine Frau darum bat mir Feuer zu geben und sie mir mit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Gesicht ihr brennendes Feuerzeug hinhielt, so kurz, dass ich nur knapp die Zigarette anbekam, lang genug um mich ihre Ablehnung jeglicher Kontaktaufnahme spüren zu lassen. Es war eine Welt der Abenteuer und ich 20.000 Meilen unter dem Meer.

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Von Veröffentlicht unter OT

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