OT2

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Wach war ich noch nicht richtig. Hunger hatte ich aber schon. Und ich wollte raus aus der Wohnung, in der mein Bruder zwei Zimmer weiter schlief. Die Stadt, die mein Zuhause werden sollte, machte mich unruhig. Aus den Sprossenfenstern des kleinen Zimmers neben der WG-Küche sah ich, dass die Sonne schien, zog mich an und machte mich auf nach draußen. Ich ging vom stillen und mit selbstgebastelten Beeten verschönten Paulsenplatz durch die Mistralstraße und ignorierte den kleinen Lebensmittelladen dort. Die Brötchen schmeckten nicht und waren zu teuer. Dann ging es über die mit Autos dichtgepackte Stresemannstraße und eigentlich zum Schulterblatt. Ich wusste, dass ich dort Käse, Brötchen und Zeitung bekommen würde und ich war mir sicher, den Weg zurück ohne Stadtplan zu finden. Plötzlich wurde Hamburg allerdings furchteinflößend. In der Susannenstraße stand ich einer Reihe heftig uniformierter Polizisten gegenüber, die mir meinen Weg zu den sicheren Backwaren versperrten.

„Sie kommen hier nicht durch.“
„Wie bitte? Warum nicht.“
„Hier ist gesperrt.“
„Aber ich muss zum Einkaufen“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Sie waren größer als ich und doppelt so breit. Ich meine, jeder von ihnen. Mit ihren Schulterpolstern und Riesenbrustkörben, ihren Knieverstärkungen und Schienbeinschonern sahen sie unwirklich aus. Wie Roboter in einem Batmancomic. In Düsseldorf oder bei unseren selbstorganisierten Schülerdemos hatte ich solche noch nie gesehen. Ich kam nicht an ihnen vorbei. Ich hatte Hunger.

„Und wie soll ich jetzt an Brötchen kommen?“
„Sie können hier nicht durch.“
„Was ist denn überhaupt los?“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Das Sprachprogramm war offensichtlich eingeschränkt. Ich gab auf und ging zurück auf die Stresemannstraße. Nach rechts runter ging es Richtung Innenstadt, nach links nach Altona, soviel hatte Bernhardt mir erklärt. Ich ging nach rechts und versuchte in der Lerchenstraße noch mal mein Glück. Wieder das gleiche Spiel:
„Sie können…“
„Ja, ja, schon gut.“
Das wurde wohl ein längerer Ausflug und ich hoffte, dass Bernhardt noch nicht aufgestanden war. Nicht dass er sich noch Sorgen um mich machte. Andererseits hatte er den Konflikt ja von Anfang an mitbekommen und wusste, wie unberechenbar die Situation derzeit war. Er hatte mir erklärt, es gehe um die Flora, ein Gebäude in dem früher mal ein Theater war, dann ein Kino und bis vor Kurzem ein riesiges Geschäft mit Haushaltswaren. Nun sollte da ein Musicaltheater rein – „Phantom der Oper“ – und die Leute haben sich gewehrt und das Haus besetzt. Ich war da schon öfter vorbei gegangen und hatte immer welche gesehen, die gerade an einer Art Park hinter dem Gebäude arbeiteten. Durch die Zäune ums Gelände habe ich mich nicht getraut, weil ich nicht wusste, was hätte sagen sollen, wenn mich jemand was gefragt hätte und jetzt mit den Polizeiketten traute ich mich erst recht nicht dahin. Es war ein zerrissenes Gefühl. Einerseits hätte ich gerne da mitgemacht. Ein Haus besetzt. In meiner Kleinstadt kannte ich mehrere Punks in besetzen Häusern und es hatte mir dort gut gefallen. Besser als Zuhause. Immer hatte ich davon geträumt abzuhauen. England war mein Ziel und ein Teil der Planung wäre das Wohnen in besetzen Häusern auf dem Weg dorthin gewesen. Und jetzt gab es hier eine frische Besetzung, aber ich wusste einfach nicht, wie ich mich ihr nähern sollte und die Polizei sagte deutlich, dass dort niemand etwas zu suchen hätte. Es waren ja nicht nur die Ketten. Die Zeitungen, die ich täglich las, berichteten vom „Krieg in der Schanze“ und den „gewaltbereiten Autonomen“ und ich war, obwohl wenige das von mir glaubten, schüchtern. Mir fiel es ja schon schwer, in einen Laden zu gehen und irgendetwas zu bestellen. Wenn die Leute meinen Dialekt nicht verstanden, war es, als würden sie ein Loch unter mir graben und ich konnte froh sein, wenn ich es mit dem gewünschten Produkt aus dem Geschäft heraus schaffte. Mit dem gleichen Dialekt dann zu BesetzerInnen zu gehen, stellte ich mir ungefähr so vor:
„Kann isch hier wat mitmachen?“
„Häh?“
Grauenvoll. Also ließ ich es und beobachtete stattdessen interessiert bis verängstigt die Geschehnisse.

Gestern Nachtmittag hatte ich auf dem Küchenbalkon der Altbauwohnung gesessen, in der Bernhardt mit zwei anderen wohnte, und staunend die 20 Transporter der Polizei gezählt, die den kleinen Platz vollkommen zustellten. Über dem Viertel waren Hubschrauber geflogen und ich überlegte, wie ich wohl am nächsten Montag zu der Kneipe in der Hallerstraße kommen sollte, in der ich ein Vorstellungsgespräch hatte.

Am Pferdemarkt dann endlich kam ich aufs Schulterblatt, und auch die fünfhundert Meter bis zur Bäckerei Stenzel waren passierbar, Dort versorgte ich mich mit Croissants, Franzbrötchen und Brötchen. Draußen an ihrer Glastür hatten sie ein Schild hängen, „Für Polizisten kein Kaffee“, und ich fand das sympathisch. Mit den Brötchen bewaffnet ging ich noch zum Käseladen gegenüber, kaufte ein und blickte aus dem Fenster auf die Kopfsteinpflasterstraße, auf der sich neben der Bank schon wieder Ketten von Polizisten formierten. Sie schienen überall zu sein. Als würden sie aus den Gullis wachsen. Mist, dabei hatte ich in dem kleinen portugiesischen Weinladen noch einen Milchkaffee trinken wollen. Aber, da kam ich wohl auch wieder nicht hin. Also zurück zum Pferdemarkt.

„Hier kommen Sie nicht durch.“
„Ich muss aber nach Hause.“
„Dann zeigen Sie mir ihren Ausweis.“
Ich kramte in meiner Tasche, zog den Perso raus und wusste schon, was jetzt kommen würde:
„Aber Sie wohnen doch im Rheinland.“
„Nein, ich wohne hier, am Paulsenplatz.“
„Dann müssen Sie sich aber schleunigst ummelden.“
„Habe ich ja vor, aber jetzt möchte ich nach Hause.“
„Tja, dann müssen Sie wohl durch die Juliusstraße zur Sternschanze und über die Altonaerstraße wieder zur Stresemann.“
„Herzlichen Dank für die Wegbeschreibung.“ Oh, Mann. Und ich war auch noch darauf angewiesen, von diesen Kriegsgestalten Orientierungshilfen anzunehmen.

Bernhardt empfing mich an der Tür, als ich es eine Stunde später wieder in die Altbauwohnung mit ihren sagenhaften drei Balkonen und dem Therapiezimmer mit eigenem Eingang vom Hausflur geschafft hatte. „Wo warst du denn? Ich muss jetzt zur Uni. Besprechung mit meinem Prof. Hier ist der Schlüssel. Den hat mir Ann-Kathrin gestern wiedergegeben. Pass gut drauf auf. Hast du da Franzbrötchen?“
Ich gab meinem Bruder eins und er rannte los, noch bevor ich ihm von der Polizei erzählen konnte.

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Von Veröffentlicht unter OT

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