Hasel
Hasel
Mein Feind hat drei oberarmdicke Stämme. Sie verzweigen sich direkt am Boden und haben eine gemeinsame Wurzel, die tief nach unten in die Stadt reicht. Bis jetzt hat er jeden Sturm gut ausgehalten. Er dreht und windet seine Äste mit dem Wind und sie weigern sich zu brechen, selbst wenn sie in einer Boe waagerecht im Wind stehen oder plötzlich drei Meter nach unten weisen.
„Diese Freundin von dir, aus Kiel…“
„Ja?“
„Könnte die nicht?“
Sie schaut vom Display direkt in meine Augen. Noch mit dem unfokussierten Blick, den man hat, wenn man gerade irgendwo anders auf der Welt war und sich dann durch Zuruf an dem gleichen Ort wiederfinden soll, an dem der Körper ist.
„Tschuldige, was willst du? Nach Kiel?“
„Du hörst mir nicht zu.“
„Doch, ich wollte nur noch gerade die Mail löschen. Den Call kann ich eh nicht wahrnehmen. Mann, mann, mann ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Auf der Arbeit wird es auch immer schlimmer. Du weißt doch, die Kollegin aus dem Vertrieb…“
„Ey. Ich wollte dir eine Frage stellen.“
„Mach doch. Ich bin doch hier.“
Sonst habe ich mehr Verständnis für Mobilfunkabsenzen. Heute frage ich mich, warum sie nicht mal da sein kann, wenn sie da ist. Meine Gereiztheit breitet sich wellenförmig aus. Dass die Butter noch so kalt ist, dass sie sich nicht glatt verstreichen lässt. Dass ich noch mit dem Hund raus muss. Dass ich nicht weiter weiß, bei welchem Job ich mich bewerben soll. Dass die Sonne scheint und ich meine Sonnenbrille verlegt habe. Dass sie mir nicht zuhört. Ich bin mir sicher, der Grund für meine Gereiztheit ist sechs Meter hoch, hat eine mindestens so lange Wurzel und steht vor meinem Schlafzimmerfenster. Dieses Jahr ist der Winter so mild, dass an dem ansonsten nackten Baum jetzt schon gelblich satte Haselnussblüten hängen und mich hämisch annicken. Selbst der Orkan letztens hat sie nicht abgerissen, dabei hatte ich meine ganze Hoffnung auf ihn und die darauf folgende kurze Periode von Minusgeraden gesetzt. Sollte die Natur nicht ebenso darunter leiden, wie mein Kreislauf, wenn die Temperatur innerhalb von zwei Wochen 20 Grad Unterschied hat? Von minus 12 bis plus 8 in no time? Offensichtlich, wenn man den Baum betrachtet, tut sie es nicht. Morgens wache ich mit dichter Nase und dicken Augen auf und brauche ein, zwei Stunden bis ich wieder ein normales Gesicht habe, die weißen pufferigen Ringe unter meinen Augen verschwinden.
„Ist die nicht Landschaftsgärtnerin?“
„Wer jetzt?“
„Deine Freundin aus Kiel.“
„Ach, Ulla, warum sagst du das nicht gleich?“
„Wollte ich doch.“
„Ja, ist sie.“
Ich wollte, dass Ulla in ihren Arbeitsklamotten vorbeikommt, am besten mit einem Gärtnereiwagen, und dann am hellichten Tag die Haselnuss absägte. Sie soll ja nicht ganz weg, aber tiefer als mein Fenster soll sie werden.
„Das ist doch zu aufwändig. Warum machen wir das nicht einfach nachts?“
„Und wenn uns doch jemand sieht?“
„Was sollen die schon sagen? Beim Vermieter petzen?“
Das hat es bei uns schon gegeben. Da habe ich Belege für gesehen. Und letztes Jahr habe ich den Hausmeister gebeten, sich um die Haselnuss zu kümmern und er hat einen Ast sehr weit runter geschnitten. Mehr würde nicht gehen, denn sonst würden die Nachbarn aus der anderen Reihe Sturm laufen, aus Naturschutzgründen, das verstünde ich doch? Verstanden habe ich es, aber meine Augen nicht.
„Wenn uns nachts dabei jemand erwischt, dann ist es scheiße.“
„Mann muss es sonntags morgens um 4 machen. Da ist keiner wach.“
„Aber so eine Säge, so eine Säge macht doch auch Lärm. Nein, am besten ist es, wenn jemand in Gärtneruniform das werktags macht und so tut, als hätte er einen Auftrag.“
„Aber Ulla hat doch so gut wie nie Zeit.“
„Ich weiß doch auch nicht.“
So geht das jetzt seit ich hier wohne. Die Haselnuss wächst, die Pollen werden mehr, das Licht weniger und ich traue mich nicht. Selbst möchte ich nicht sägen, weil dann alle Pollen auf mich hinabregnen werden und ich mich fürchte, dass ich tagelang die Augen nicht aufbekommen werde.
„Komm, lass mal raus, hier wird das doch nicht besser.“
„Vielleicht hast du recht.“
Wir parken das Auto vor dem Golem. Da ist immer ein Parkplatz für uns.
„Ich liebe die Kräne.“
„Seit Jahren. Das hört nie auf.“
„Das glaube ich auch.“
„Wollen wir bis Övelgönne?“
„Wenn du meinst.“
Wir gehen los. Der Wind, der hier wohnt pfeift wie immer und das Wasser sieht heute riesig aus, das tut es bei Flut.
Wir gehen an Einrichtungen vorbei, Küchen, Wohnzimmer, Weinkeller im Tempo unserer Schritte erscheinen und verschwinden sie.
„Die Kissen von Cor mag ich“.
„Kosten einen Wocheneinkauf.“
„Ja, ja. “
Von den Einrichtungen geht es zu den Fischimbissen und ich bin mir sicher, hier nichts zu wollen. Der Hund läuft voran und heute muss man sich keine Sorgen machen, denn um diese Zeit sind keine anderen Hundehalter unterwegs.
Der Strand liegt leer vor uns. Im Winter kann das manchmal passieren. Weißer frisch geplätteter Sand, der von unsichtbaren Menschen gepflegt wird. Im Sommer müssen es Zehntausende sein, die ihn nutzen.
„Hast du eigentlich jemals gesehen, wie der Sand geliefert wird?“
„Nein. Meinst du wirklich, er liegt hier nicht einfach so?“
„Wo soll er herkommen? Ich bin mir sicher, sie fahren ihn an.“ Der Hund gräbt ein Loch in den Sand, wir stehen um ihn herum und warten und warten. Immer noch tiefer und noch keine Erde in Sicht. Wenn sie den Sand heranfahren, dann müssen es Unmassen sein. Ich habe sogar gehört, dass sie das auf Sylt auch machen, dass sie beim Sturm Angst hatten wegen dem kostbarem aufgeschütteten Sand auf den neunzig Kilometer Strand. Woher er wohl kommt. Vielleicht ist es Importsand aus der Sahara. Besser als Haselnusspollen ist er allemal. Das weiß ich, denn hier geht es meinen Augen gut und auf Sylt auch.

