OT4
Denn das ist wie sie starb. Ein Herzinfarkt im Transit. Im Zug zwischen Wien und Hamburg. Einmal im Monat, legte sie die zweitausend Kilometer hinter sich. Fuhr die Verbindung ab und kaufte Nachschub an Käsewürsten. Die Fahrten gehörten zu dem Glamour, der sie umgab. Ein Leuchten, dass ihrem Sinn für Details entsprang. Ihre Kneipe war eine Kneipe und nichts anderes. Sie hatte nichts von einem Kaffeehaus, sie war keine Bar, kein Musikschuppen. Zu essen gab es Butterbrot und auf Wunsch Käsewurst. Es gab eine Jukebox, die keine Rücksicht auf allgemeingültigen Geschmack nahm. In den Regalen stand der Alkohol, den man für lange Nächte brauchte und an trüben Tagen genoss. Die Kneipe, erinnerte mich an die Kneipen in meiner Geburtssstadt, wo Frauen nur reingingen, wenn sie ihre Männer abholen wollten, die Skat spielten und Soleier assen bis das Mittag- oder Abendessen auf sie wartete. Vor allem an die ‚Bauernschänke’ in der mein Vater seine Tage mit den ‚alten Kameraden’ verbracht hatte, und in die ich nach der Schule immer ging, um ihm noch ein wenig Taschengeld zu entlocken. Wie stolz er war, wenn ihn die anderen für meinen Opa hielten, wie fremd ihn mir die mitgehörten Fetzen von ‚Bomben’, ‚Schützengräben’ und anderen Unaussprechlichkeiten gemacht hatten. Hier auf dem Kiez hingegen war der Laden tagsüber fast leer und ich fragte mich im Laufe der Jahre oft, warum sie ihn überhaupt tagsüber öffnete. Meine häufigste Antwort war, dass auch ihr der fast leere Raum die Möglichkeit gab mit Gespenstern zu leben, ohne von ihnen berührt zu werden. Als wären die Staubtänze und gelegentlichen Rauchschwaden Leinwände für Projektionen vergangener Zeiten.
Das erste Mal begegnete ich ihr an einem Tag voller lautem Sonnenschein, endlos blauen Himmel und gut gelaunten Leuten, die den Sommer in der Stadt feierten, als käme er nie wieder. Ich fuhr ich mit meinem wenig gepflegten Dreigangrad auf dem Kiez herum und machte mir eine innerliche Notiz darüber, dass ich mich am nächsten Tag mal um die Acht im Hinterrad kümmern müsste und wenn ich schon dabei war, sollte ich wohl auch die Gangschaltung so einstellen, dass das Rad nicht mehr nur im Dritten fuhr. Die ausgeschalteten Leuchtreklamen strahlten eine staubige Dienstmüdigkeit aus. Es fuhren nur wenige Autos. Am Tag gab es nur zwei oder drei belebte Orte hier. Der kleine Bäcker in der Silbersacktwiete, die Spielhalle LasVegas, die rund um die Uhr geöffnet war und ein Imbiss in der Seilerstr, der die besten Pide der Stadt hatte. Zunächst fuhr ich dort hin, hatte dann aber keinen Hunger und lies mich treiben. Bei Licht nahm ich die Häuserfassaden über den sonst so imposant wirkenden Etablissements wahr und entdeckte noch in den frühen Neunzigern, die Spuren des zweiten Weltkriegs.Bomben und Brände hatten Schneisen geschlagen, so dass nur in wenigen Strassen rund um die Reeperbahn intakte Gründerzeitensembeles zu sehen waren. Meist ragten die alten Häuser als Solitäre zwischen flachen Bauwerken der folgenden Jahrzehnte hervor und verwiesen auf die lange Geschichte des Ortes. Ich wusste nicht so recht wohin mit mir. Dieser Zustand war schon chronisch.Zwei Jahre nach der Kleinstadt, war mir immer noch nicht klar, was ich in und von Hamburg wollte. Ausser natürlich, dass es bedeute nicht mehr da zu sein, wo ich herkam.
Der Rhythmus der siebzigstunden Wochen, die ich durch Schule, Erwerbsarbeit, politisches Engagement und Hobbys gehabt hatte war weggefallen und die Tage leer. In Hamburg war, bis auf die Käseüberbackerei, mit der ich Miete und Essen reinholte alles Möglichkeit und nicht Zwang. Nichts schien zu passen. Entweder kamen mir die Orte, Dinge, Ereignisse seltsam leer vor oder ich kam mir seltsam vor. Seltsamkeit war hier zu meinem zweiten Namen geworden. In der Kleinstadt hatte ich nicht dazugehört, aber das war anders. Ich hatte genau gewusst, was ich ablehnte und wo ich abgelehnt wurde und dass ich, mein Heil früher oder später in der Flucht suchen würde. Hier hingegen, am Ziel der Flucht, hatte ich noch nicht mal Widersacher. Ich war den ganzen Tag schon planlos durch die Stadt geirrt und hatte gehofft auf der Reeperbahn ein wenig Abwechselung von dem „Hey, ist das schön, das Wetter ist so toll, wollen wir an der Elbe grillen“- Unwesen meiner Mitmenschen zu finden, vor allem meiner beiden Mitbewohnerinnen. Erika hatte heute, nach einer Woche voller Nachtdiensten frei und lag im Stadtpark und Sabrina sass gerade im Philturm bei ihrem Logikseminar um danach an die Alster zu fahren, wo sie zum Federballspielen verabredet war. Ich hatte, wie fast immer, keinen genauen Plan und so fand ich mich nun hier wieder, wo das rege Nachtleben dafür sorgte, dass auch die Tage eine andere Taktung hatten als im Rest der Stadt. Und meine Hoffnung auf Sommervergessen hatte mich nicht getrogen. In der Clemens-Schulzstrasse war die Tür einer Kneipe geöffnet, bei der schon die Fassade so dunkel aussah, dass sie mich magisch anzog. „Toom Peerstall“, zum Pferdestall also.
Der Laden war, bis auf sie, komplett leer. Ich ging rein und liess den Raum in seinem Halbschattenlicht auf mich wirken. Drei Tische hintereinander auf der linken Seite, dahinter die Jukebox, in einer Nische vor dem nikotinfarbenen Türrahmen, der den Weg zu einem dunklen Gang freigab der Indiana Jones Flipper, der in den kommenden Monaten meine Rettung vor den Anforderungen der Welt sein würde. Rechts der Tresen, sie guckte mich an. Ich guckte sie an und ging zu ihr, setze mich auf einen der Barhocker, guckte auf die Flaschen- und Gläserregale und bestellte einen Kaffee. Meine Stimme klang komisch, irgendwie zu hoch. Das passierte mir öfter, genauso wie die schwitzigen Hände, mit denen ich jetzt meinen Kaffee in einer dicken schmucklosen Tasse entgegennahm. In ihren Kaffee habe ich mich sofort verliebt, er kam aus einer dieser elenden Maschinen mit Warmhaltefunktion, die noch das beste Aroma zu einem bitteren Gebräu mittlerer Hitze verwandeln konnte. Sie war Wienerin, und sie servierte ihn ohne mit einer ihrer künstlich verlängerten Wimpern zu zucken. Sie war im Exil, sie hatte sich dafür entschieden und man konnte es schmecken.
Durchs das Fenster hinten war zu ahnen, dass die Sonne weiterhin schien, aber sie belästigte mich nicht mehr. Meine Schultern sanken herab, ohne dass ich vorher bemerkt hatte, wie nah an meinen Ohren sie gewesen waren. Während ich vom Tresen zu einem der Tische ging und mich mit dem Rücken zum Fenster und dem Gesicht zu ihr hin setzte versuchte ich nichts umzustossen um keinen schlechten Eindruck zu machen. Das Getränk schwappte über, aber das war der einzige Fehler, der mir auf dem kurzen Weg unterlief und ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkte. Sie sass hinter dem Tresen den Kopf auf die Hände gestützt und sah zur Tür. Ihr Gesicht mit seinen vielen Falten unter der ausgeleierten Dauerwelle lag friedlich wie eine Landschaft im Morgengrauen da. Die Ruhe die sie hatte erinnerte mich an endlose Hügelketten über denen sich noch rauchblau die Luft aufwärmte um zum Tag zu werden. Es war das Selbstvertrauen von jemanden, der viel gesehen und wenig bewertet hatte. Es lief keine Musik und ich konnte das Rauschen der Strasse so gut hören, wie das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren. Ausnahmsweise kein bedrohlicher Klang, mehr einer der vielen Rhytmen, die die Großstadt ausmachten. Hier war ein friedlicher Ort. Ich zog das Buch über Körpertherapie aus meiner Tasche und las: „In diesem Buch geht es nicht darum, den Weg zur Erleuchtung zu weisen.“ Insgesamt war das so mit der Theorie: Es gab strahlende Menschen, die ganz mit ihrer Energie im Einklang waren und wo alles sich im „Flow“ befand, und es gab Leute im vollen Körperpanzer mit Stauungen und Stockungen, die den anderen ihre Energie rauben wollten. Ich wusste, von der Erleuchtung war ich weit entfernt und ich konnte nur eins von denen mit der Muskelrüstung voller unguter Erinnerung sein. Hildegard Knef fing an zu singen: „’Ich brauch Tapetenwechsel’, sprach die Birke und macht sich in der Dämmerung auf den Weg“. Ich klappte das Buch zu. Die Birke wanderte von ihrem Wald in die Stadt und endete dort als Möbelstück. Als solche stand sie in der Ecke und Hildegard Knef kam zum Refrain zurück: „Ich brauch Tapetenwechsel …“. War es das, was mit mir passierte? Sollte auch für mich das Versprechen der Großstadt in der Starre enden? Die Tür ging auf. Jemand kam rein, ich traute mich nicht hinzugucken. Ich wollte weder aufdringlich sein noch mich aus der Stimmung des Nachmittages holen lassen. Aus der Rückansicht der Person, die gerade zum Tresen ging und mit einem Kaffee begrüßt wurde, ohne dass sie ein Wort hätte sagen müssen, erkannte ich, dass es eine Frau war. Seltsam beruhigt holte ich eine meiner Mentholzigaretten aus der Schachtel und zündete sie an. Die Birke war endgültig verschwunden und zu dritt im Raum fand ich die Stille anders, schwerer zu ertragen. Nach zwei Zügen stand ich auf und ging zur Jukebox. Das einzige Lied, das ich kannte, war „I am what I am“. Keine schlechte Antwort auf die Birke. Ich warf die Münze, drückte die Zahl und zog mich an den Tisch zurück. Am liebsten hätte ich mich jetzt mit dem Rücken zum Tresen gesetzt, aber ich wusste nicht, wie ich das geschickt hätte tun können. Also setzte ich mich auf meinen alten Platz. Noch ein Zug Menthol und ein suchender Blick durch den Raum, bis ich, direkt neben mir auf dem Stuhl eine Morgenpost fand, in die ich mich vertiefte. Die Zeitung gab mir die Möglichkeit, noch ein bisschen länger zu bleiben und ich las jeden Artikel während mein Kafee kalt wurde. Gloria Gaynor dröhnte dazu aus vollem Hals, wie sie ihr eigenes Blatt austeilte und darin lauter Asse waren und wie sie sich selbst schuf, eine echt spezielle Kreation. Das wollte ich auch sehr gerne, wusste aber nicht genau wie. Stattdessen las ich mal wieder darüber wie in der Flora die Autonomen eine Keimzelle der Anarchie aufbauten. Leider hatte schon jemand das Kreuzworträtsel gelöst und die Zeitung war schnell ausgelesen. Danach ging ich zum Tresen. Ließ mich angucken, guckte, lächelte den beiden zu, konzentrierte mich auf die Münzen in meinem Portemonnaie und darauf, keine von ihnen fallzulassen und ging dann raus in die anbrechende Dämmerung. Die Straßen hatten sich in der Zwischenzeit mit den ersten Vergnügungssuchenden gefüllt und ich fügte mich in den Strom ein. Bei der nächsten Mülltonne, die ich sah, machte ich halt und warf das Körpertherapiebuch weg, auf dass es sein Licht einer Müllkippe spendete.

Der Text hat mir sehr gut gefallen, ich bekam den Tipp via Twitter. Ich glaube, so waren vor 20 Jahren auch meine Gehversuche auf dem Kiez. Schön geschrieben.
lieber hartmut, das freut mich wirklich sehr.
paula