Blaues Schwingen


Die geografische Mitte Hamburgs ist der Fernsehturm. Zehn gemächlich gegangene Minuten von ihm entfernt, am Park entlang, an der Messe vorbei, ein bisschen links, ein bisschen rechts: Ein Garten. Die Bäume älter als 20 Jahre. Der Teich sumpfig und voller Seerosen. Der Rasen kaputt von zu viel Schatten, zu vielen Festen, zu viel Fußballspiel. Die Möbel von der Witterung stark beansprucht. Die Katzen alt, die Hunde jung. Tagsüber steht die Sonne tiefer als noch vor zwei Wochen, wo der Sommer endlos schien und ich mir Gedanken darüber machte, wie ein dauerhaftes Leben mit Hitze wohl aussehen würde. Wann arbeiten? Wann den Hund ausführen? Wie viele Ausflüge pro Woche, um die Sonne zu genießen?

Zwei Straßen weiter legt der Hamburger Dom einen Gang zu, bevor er in einer Stunde seine Fahrgeschäfte und Buden schließen wird. Menschen kreischen in der Achterbahn und in all den Whirl-arounds und Shoot-me-ups und Make-me-whoopees. Ihr Schreien klingt bis unter die Bäume. Ab und an das drängende Hupen der Raupe: Wööööt, wööööt, wööööt. – Man hört innerlich die Stimmen, die einen zur Fahrt einladen wollen: „Kommen Sie rein! Kommen Sie rein! Hier Emotionen pur.“

Neben dem Wööööööt liegt auch noch ein Huuuuuhuiuiuihuuuu in der Luft. Es ist mächtig. Es fängt mal an, mal hört es auf. Es macht was mit mir. Ich weiß noch nicht was. Ich weiß auch noch nicht, ob ich das will. An dem langen, ehemals roten Tisch unter dem Kirschbaum suchen wir uns bequeme Sitzpositionen. Ich lege meine Füße auf einen leeren Stuhl. Anni setzt sich gerade, und Brando, Brando braucht seine Zeit. In seinem Gesicht ist jeder Muskel angespannt. Das Bier hinterlässt einen kühlen Film auf dem Glas, ich male ein Muster hinein und trinke dann einen Schluck. Das mit dem Bier ist so eine Sache. Silvester hatte ich Lust auf ein Jahresvorhaben. Es sollte nicht vernünftig sein. Also dachte ich, dass man mit über 40 wohl anfangen könnte, mehr als eine Flasche Alkohol pro Jahr zu trinken. Irgendwelche Vorteile muss das Altern ja haben, wenn schon die Zähne schlechter und die Gelenke steifer werden. Die ersten sechs Monate war ich gnadenlos gescheitert. Immer, wenn ich etwas trinken wollte, schien die Gelegenheit nicht günstig, aber seit einer Woche komme ich auf ein halbes Bier am Abend und bin froh. Aus dem Huuuuu wird Whuuuuuuhhhhhhuuu. Mein Schweigen wird melancholisch.

Auf einem der Balkone erscheint Gertrud: „Parademarsch, Parademarsch, der Hitler hat ein Loch im Arsch.“ Kaum hat sie den Satz zu Ende gebracht, geht sie wieder zu ihrem Fernseher.

Brando setzt sich umständlich um und zündet sich dann eine Zigarette an. Die Muskeln um seine Augen ziehen sich kurz zusammen, bevor er wieder ein neutrales Gesicht macht.

„Hast du Schmerzen?“ Ich frage, obwohl ich das selbst nicht gerne gefragt werde, aber Schmerzen gegenüber zu sitzen und nichts zu tun, geht auch schlecht. „Sieht man mir das an?“ Er kommt sich beobachtet vor. „Ja. Kann man denn gar nichts tun?“

Intimität, dein Name sei Nachbarschaft. Ich weiß so viel über Brandos Rücken wie er über meine Zähne: dass ich es zwar inzwischen schaffe, zum Zahnarzt zu gehen, aber das mit dem Kieferchirurgen nicht kann und noch immer keinen richtigen Weg weiß, wie es ablaufen könnte. Er weiß auch, dass man mich nicht oft darauf ansprechen kann, weil ich dann Kopfschmerzen kriege und noch mehr Blockaden. Ich hingegen weiß, dass sein Sohn gerade in die Schule gekommen ist, welche Beulen, Mückenstiche und Schrammen der Junge hat und wie freundlich er ist. Whoooouuuuuuuwhoouuuuuu. Stimmen werden laut.

„Voll geil, da habe ich ihm ein ganzes Pfund verkauft und der hat nicht gemerkt, dass es doppelt teuer war.“ – „Alter, irgendwann kriegste aufs Maul, ich schwör’s dir!“ Das Gespräch läuft hinter dem hohen Metallzaun ab, der unseren Rasen vom anderen Hof trennt. Gebüsch und Bäume auf beiden Seiten garantieren Blickschutz. Aber wie man hier so oft feststellen kann, ist Unsichtbarkeit nicht das Gleiche wie Anonymität. „Quatsch!“ – „Ist der Stress mit deiner Alten eigentlich vorbei?“ – „Will ich nicht drüber reden, die nervt voll. Keine Ahnung, was sie von mir will. Cool ist das nicht.“ – „Gib rüber.“ – „Hier.“

Uuumtschakssssszzzzzzssssswhoouuuhuuuii. Hinter einer mannshohen Mauer, über die man zwar nicht gucken, aber klettern kann, wohnen die Künstler. Sie veranstalten ein Konzert. Wir sitzen mittendrin. Das Jammern der singenden Säge, Anni war es, die das Whoouuuhuuuii zuerst erkannte,schmiegt sich wie Luft um alle anderen Geräusche herum. Der Hund bellt in den Sound. Unsere Gespräche flechten sich in ihn ein. Das Klingeln eines Telefons in einer der dreißig Wohnungen, deren Balkone auf den Garten hin sehen, wird Teil der Komposition. Gertrud kommt wieder auf ihren Balkon und schreit über uns hinweg: „Kohl war auch so ein Arschloch! Nazipack! SS-Schergen! Und Josef Stalin, geboren 1872 –auch so einer von denen. Fett ist er geworden, der Kohl. Aber ich kann meine Pfennige zusammenhalten, das kann ich. Und mit meinem Bein komme ich noch hoch. Soraya, die war eine echte Königin, aber Farah Diva, die war ja aus dem französischen Puff. Das muss man sich mal vorstellen!“ Gertrud lacht. Laut. Täglich zählt sie die Daten ihres Lebens auf, um sich und andere davon zu überzeugen, dass ihr Kopf noch funktioniert. Die Zahlen sind meist richtig, aber die Listen so ermüdend, dass man nach ein, bei geduldigen Menschen zwei Jahren nicht mehr den Versuch eines ernsthaften längeren Zuhörens macht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es darum auch nicht geht, denn Gertrud stellt nie Fragen. Sie singt quasi, mit Liedern als Refrain, den immer gleichen Blues in den Garten mitten in der Stadt. Mit über siebzig hat sie aufgehört zu trinken und nur die Geschichten davon, wie sie einen Balkonpfeiler umarmend im Stehen ihren Rausch ausschlief oder nachts auf der Treppe liegend ihre Arme über den Kopf hob und Ayatollah Khomeini anrief, schwappen noch hin und wieder träge durch die Nachbarschaft. Erzeugen Verwunderung darüber, was alles passieren kann, wenn der Tag lang und das Viertel um uns herum voller wild gebauter Biografien ist.

Ein Bass gesellt sich sanft pulsierend zur Säge. Über uns ist Vollmond.
„Meinst du, die veranstalten da drüben satanistische Rituale?“ – „Bleib mir weg mit dem Scheiß.“ – „Ich frage ja nur, habe letztens im Fernsehen …“ – „Brando, ehrlich, ich will’s nicht hören.“ – „Also, da passieren ja Sachen, ganz in unserer Nähe …“

Schreiend stürzen die nächsten kontrolliert in ihren Wagen die Berge der Achterbahn hinab. Gertrud beginnt zu singen: „Alle Nazis sind schon da, alle Nazis, alle. Hitler, Göring und die Schar …“ Ich denke darüber nach, wie das Viertel wohl in Gertruds Jugend ausgesehen hat. Sicher bin ich nur darüber, dass etwa 500 Meter weiterein Deportationsbahnhof war. Ob Gertrud die Transporte gesehen hat oder ob sie da schon in der Psychiatrie war, weiß ich nicht. Solche Fragen kann man ihr auch nicht mehr stellen. Es sei denn, man akzeptiert ihre Lieder und Weltbeschimpfungen als Antworten.Die Sägenmusik mit ihrer schwingenden Schwermut, Gertrud und der dämliche Vollmond über mir lassen mich die Gedanken schlechter verdrängen als sonst, und ich frage mich, wie ich es in Deutschland aushalte, wo die Kontinuität schon in den Steinen liegt.

„Meint ihr eigentlich, sie haben mit der Mauer, dem Palast der Republik und all den anderen Funktionsbauten schon mehr DDR-Geschichte abgerissen, als sie je Nazigeschichte aus dem Stadtbild gelöscht haben?“ Brando guckt in die Luft und denkt nach. „Naja, Reichtstag, da hilft die Glaskuppel auch nicht so wirklich.“ – Wööt Wööt Wööt. „Haben wir denn noch keine Elf? Ich habe das Gefühl, wir sitzen schon Jahre hier.“ – „Das liegt an dem Konzert. Ich wusste gar nicht, dass man eine singende Säge auch verstärken kann. Wo wohl der Abnehmer sitzt? Meint ihr, der ist am Sägeblatt angebracht? Es klingt so greifbar. Als würde man es nicht wirklich hören. Als würde man es fühlen.“

Ich gucke auf meine Arme, sehe die kleinen Pocken der Gänsehaut und muss Anni recht geben. Die Musik ist gerade irgendwie größer als ihre Physik. Ein Auto fährt durch die Straße. Die Jungs nebenan stellen sich mit Hilfe ihrer Handys neue Lieder vor, ein paar Nachbarn unterhalten sich auf ihren Balkonen, Gertrud singt nun das Rosa-Luxemburg-Lied und alles wird durch die Säge, den Bass und das inzwischen hinzugekommene Jazzschlagzeug verbunden. Entweder haben die Künstler alle Fenster ihrer Galerie offen oder sie lassen direkt draußen musizieren, was konsequent wäre, denn darauf, dass irgendjemand ihre Aktivitäten vielleicht nicht immer mögen könnte, pfeifen sie recht herzlich. Glücklicherweise mag ich manchmal sogar nachts um drei Musik, und nachdem ich mich daran gewöhnt habe, dass sie an ihrem Lagerfeuer oder in der Feuertonne alles verbrennen, was ihnen in die Hände fällt – egal, ob lackiert oder nicht –, gucke ich nicht mehr jedes Mal, wenn der Geruch von Rauch meine Erinnerungen an den Hausbrand von damals weckt, meine ganze Wohnung danach durch, ob irgendwo ein Kabel schmort. Ich habe durch sie gelernt, die Entfernung eines Feuers zu riechen. Kann man damit wohl Geld verdienen? Weiß das jemand?

 

 

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