OT1

„Welche Zeitung muss man wohl mit haben, damit die einen dort nicht doof finden? Die Emma?“ Sabrina zündete sich eine Mentholzigarette an und blies den Rauch über den kleinen Bistrotisch in unserer Küche in meine Richtung. Ich nahm mir auch eine und wir schickten uns Rauchbotschaften durch den Raum. Erika hüstelte und machte das Fenster auf, um dann wieder die „Asia-Pfanne“ auf dem Herd zu rühren. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Die Küche hatte im Wesentlichen Erika eingerichtet, sie hatte auch den Mietvertrag und sich uns als Mitbewohnerinnen ausgesucht. Holzregale hielten trockene Lebensmittel und Kochbücher, Drahtkörbe in drei Größen hingen von der Decke, um Obst und Gemüse zu beherbergen, und in der Kammer fanden sich Kochgeschirr, das Porzellan und weitere Vorräte. Hier fühlte ich mich wohl. In den niedrigen Cocktailsesseln fiel die mangelnde Deckenhöhe nicht so auf, und wenn eine von den anderen da war, vergaß ich die Wohnung um uns herum. Jetzt waren wir vollständig und hatten Hunger und Element of Crime sang aus Sabrinas Zimmer in unsere Laune hinein. Ich blätterte in der Morgenpost während wir uns unterhielten und fragte mich, wie es wohl mit der Roten Flora weitergehen würde.
„Ich weiß nicht, vielleicht nehme ich ein Buch mit. Simone de Beauvoir, das sieht schlau aus, ist feminstisch und ich hab schon lang nicht mehr darin gelesen.“ Sabrina guckte erst mich und dann Erika skeptisch an: „Aber das ist auch sooooowas von angebermäßig, wer nimmt schon ein Buch mit in die Kneipe. Ich wäre für den Spiegel.“
Erika und ich starrten sie an: „Den Spiegel?“ „In die Frauenkneipe?“
***
Wir waren zu dritt auf sechzig Quadratmetern. In der obersten Etage einer Barmbeker Mietskaserne aus roten Backstein, in einer Reihe roter Backsteinhäuser gegenüber von roten Backsteinhäusern. Acht von den sechzig Quadratmetern waren meine. Ich hatte eine achtzig Zentimeter breite Matratze, eine Abenteuer-Alukiste für meine Kleidung, mein Saxophon und ein paar Bücher drin, und damit war das Zimmer mehr als gut gefüllt. Experimente von führenden Wissenschaftlern hatten ergeben, dass ich mich einmal quer und zweieinhalb mal längs ausstrecken konnte in dem Raum. Es war klein, aber das Fenster war im Verhältnis noch kleiner. Wenn jemals die Sonne schien, dann blieben die Lichtverhältnisse im Raum komplett unverändert und es wirkte, als hätte ich nur ein Bild an der Wand ausgewechselt. Eine Backsteinstudie in Rot und Grau gegen eine Backsteinstudie in Rot und Blau getauscht. Dafür zahlte ich auch nur 200 Mark und das hieß, weniger Croques backen in Harvestehude als bei jedem anderem Zimmer, das ich hätte haben können. Croques backen war meine Arbeit. Ich war aus der Kleinstadt im Rheinland geflohen, um nun in Hamburg Baguettes mit Käse zu überbacken und mir die Hafenluft um die Nase wehen zu lassen. Eine aufsehenerregende Karriere, fand ich. Immerhin war ich 400 Kilometer weit gekommen und versuchte mein Glück ohne einen anderen Plan, als weg zu sein von allem Vertrauten.
Zwanzig Meter von unserem Hauseingang gab es eine Art Portal, das in einen Hinterhof führte, den wir nie betraten, weil es sich nicht anbot. Das Portal wurde von kraftvollen Stahlpanthern bewacht und ich fühlte mich, wenn ich unter ihnen herging, als würden sie in meinen Nacken den Geist der 30iger Jahre atmen, in denen sie geschaffen worden waren. Unsere Wohnung in diesem Ensemble hatte zwei Meter hohe Decken und ich konnte, ohne mich auf Zehenspitzen zu stellen, die Raufasertapete über mir mit ausgestreckten Armen berühren. Kein schönes Gefühl. In Barmbek Anfang war der Neunziger war noch nicht mal der Hund begraben. Keiner hätte einem geliebten Haustier diese Ödnis angetan. Wir hingegen waren jung, so um die zwanzig, wollten selbstständig sein und konnten uns hier die Miete leisten. Erika war Krankenschwester im Krankenhaus um die Ecke, Sabrina studierte Philosophie, spielte Schach und hörte ständig Wagner. Nietzsche war ihr Liebling. Erika hatte auch Hobbys, sie ging gern zum Volleyball, machte ausgedehnte Radtouren mit ihrem Freund und spielte Gitarre. Zu dritt sahen wir zu, dass wir viel ausgingen und von Barmbek aus war der Kiez ein Muss. Alleine schon die Neonreklamen, die vielen Lichter, die Menschen, die immerhin auf der Suche nach Vergnügen waren, so wie wir was erleben wollten, Anregungen. In Barmbek schien das niemand zu wollen. In Barmbek war das Beste, was uns passieren konnte, der Tag als die Filiale einer bundesweiten Kneipenkette, die wir natürlich verachteten, aufmachte und tatsächlich einen Flipper hatte. Also blieb uns in Barmbek nichts anderes übrig, als zur verachtetenden Kette und dem Flipper zu gehen, wenn überhaupt mal was passieren sollte. Auf dem Kiez hingegen – unendliche Weiten. Menschen aus der ganzen Welt. Indie-Schuppen, Punkschuppen, Bierkneipen, Table-Dance, Glücksspiel. Alles war möglich, wenn wir uns nur trauten.
***
„SAARLANDSTRASSE“. Der Zug zog uns voran in unsere Zukunft als Frauenkneipenkennerinnen. Es gab kein Entrinnen. Nichts würde mehr zwischen mir und der Erfahrung stehen. Mein Hals wurde trocken. Ich erlaubte meinen Händen kein Zittern, meine Knie wurden weich. Beim Blick aus dem Fenster wurde die Stadtlandschaft zum Super-8-Film. Obwohl sie sich U-Bahn nennt, fährt die Hamburger U3 die meiste Zeit oberirdisch und so verwandelt sich Backsteinhausen in Schrebergartenparadies hin zu „so sieht also eine Villa aus, und wer lebt da wohl drin?“, bis wir endlich in der Schanze ankamen. „Wir müssen da ja nicht wirklich rein.“
Sabrina streckte tapfer das Kinn die Luft: „Wenn eine von uns wirkliche Bedenken hat, gehen wir einfach an dem Schuppen vorbei, die Bernstorffstraße runter, und dann nichts wie hin zum La Paloma.“ Das war ihre Lieblingskneipe. Von einem Düsseldorfer Künstler am Hans-Albers-Platz gegründet, war sie für mich irgendwie vertraut. Ich wusste noch, wie man sich verhielt, wenn Grönemeyer den Westen besang und Westerhagen mein Prinz sein wollte, aber eigentlich wollte ich es schon nicht mehr wissen. Die Typen in ihren „lässigen“ Anzugversatzstücken – trägt der eine die Anzugshose zum T-Shirt, so der andere das Jackett zur Jeans – fielen mir genauso auf die Nerven wie die Mädchen mit Lederjacken und engen Hosen mit denen sie flirteten. An diesem Abend im La Paloma zu enden wäre eine Schmach, so groß, als würde ich zurück zu Muttern ziehen.
***
Bestimmt drei Meter lang und achtzig Zentimer breit hing das Schild über der Fenstreihe des pavillionartigen Vorbaus der „Frauenkneipe“. Die Ampel an der Stresemannstraße war noch rot. Wir guckten auf das Schild. Wir schwiegen. Ich legte kurz meinen Arm auf Erikas Schulter. Sie machte eine Bewegung leicht nach vorn. Autos rasten an uns vorbei. Auf der Verkehrsinsel zwischen uns und dem Abenteuer standen Plakate mit Kreuzen und Teddybären drauf und daneben standen Blumen. Ein Plakat zeigte ein Verkehrschild mit einer 30.
„Was das wohl soll.“
„Hast du das nicht gelesen? Hier ist vor ein paar Monaten ein Kind von einem Lastwagen überfahren worden und die AnwohnerInnen wollen jetzt, dass hier nicht mehr schnell gefahren werden darf.“
„Oh Mann.“
Es wurde grün. Erika ging vor uns in ihrem Krankenschwestergang. Zügig, energisch. Sie hatte schon die Klinke in der Hand, als wir noch nicht den Fuß auf den ersten Treppen hatten. Sie guckte uns nochmal an. Jede nickte und Erika machte die Tür auf. Die Gespräche in der Kneipe stoppten. Die Blicke richteten sich auf uns und mein Alptraum wurde wahr: Eine ganze Riege von Frauen – waren das Frauen? – an der Theke drehte sich um und musterte uns von Kopf bis Fuß. Ich nahm nur noch Fetzen wahr. Mein Blut rauschte durch die Adern. Ich sah eine Lederjacke, unter der eine Frau nichts anderes trug. Ich sah kurzgeschnitte Haare. Ich sah extrahohe Doc Martins. Ich fühlte Erika, die nach vorne ging hin zu dem einzig freien Tisch. Ganz hinten in der Ecke. Ich schluckte und bemühte mich nicht zu rennen. Sabrina stolperte kurz in mich hineinen. Endlich. Der Tisch. Wir sassen. Die Stimmen huben wieder an. Die Blicke wandten sich ab. Alle Blicke, auch die der Tresenkraft. Wir hatten es geschafft. Dachten wir. Bis wir merkten, dass wir noch keine Getränke hatten und was ist eine Kneipenbesuch ohne einen legtimierenden Drink? Peinlich. Genau. Wir warteten und warteten. Sabrina war es die sagte: „Scheiße, da hängt ein Schild mit ‚Keine Tischbedienung’ über dem Tresen.“ Das einzige was ich erwiedern konnte war: „Lass uns ne Münze werfen. Freiwillig gehe ich da nicht hin.“
