post it+++from town to town+V

fortsetzung von ...

über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 48 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

++++++++++++++++++++++post+it+++
01/08 eine seite, die ich als touristin auffallend nicht zu gesicht bekomme, ist die des armen new yorks. dabei hat die offizielle arbeitslosenquote im märz die 10-prozent-marke erreicht, nicht eingerechnet die vielen, die sich hier prekär, teilzeit und/oder ohne papiere durchschlagen. rasant steigende mieten & steigende obdachlosigkeit, wie die coalition for the homeless berichtet. doch von all dem ist in manhattan nichts zu sehen. manchmal, wenn ich auf den letzten zug an der penn station warte, sitzen dort noch mehr leute auf dem boden. eine frau hält wie ein schutzschild eine edle macy-papiertüte auf dem schoß, ihr kopf kippt nach vorne, ihre schuhe sind von unten durchlöchert. neben ihr liegt jemand, der auch nicht wie ein pendler aussieht. anscheinend gibt es hier spät abends ein kleines toleranzfenster – dort, wo sonst zero-tolerance herrscht.

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31/07 sonic youth spielen im prospect park in brooklyn – open air & for free. disharmonische gitarrenimpros, reduzierte bis gar keine publikumsansprache, fans um die mitte 30, von denen jede/r zweite/r im musikbusiness zu sein scheint. ja, und dann – kim gordon – live! für mich eine nostalgische zeitreise in die frühen 90er. eine musik, die irgendwie weh tut. ich erinnere mich an meine diffuse freude über eine musikerin auf der bühne, die antreibt. kim als role model und unerreichbares idol im fernen new york, deren eindrückliche stimme über mtv auch direkt in die provinz übertragen wurde: „kool thing“.

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29/07 was macht eigentlich gute kunst aus?, frage ich mich, während ich in einer hängematte liege und auf den bewölkten himmel von queens gucke. bin im ps1, einem ableger des momas, der gegenwartskunst zeigt. die hängematte und der offene innenhof sprechen auf jeden fall für’s museum, denn nach unzähligen filmen, installationen und – ja, auch malerei – ist hier der ort, um luft zu holen. eine arbeit beschäftigt mich beim abhängen: die von leigh ledare. ledare thematisiert sein verhältnis zu seiner mutter, das wenig grenzen kennt und mich provoziert. ist dieser tabubruch lediglich gutes productplacement? und warum macht mich die mutter mit ihrem heischen nach aufmerksamkeit (was ihm wiederum das material für die kunst liefert) gleichzeitig wütend und traurig?

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28/07 heute hab ich den präsidenten gesehen. er saß in einer von rund zehn limosinen, die an mir vorbei gerauscht sind. nachdem ich über eine stunde an der gesperrten houstonstreet stand und es überall aufgeregt hieß: „barack is crossing soon“, war ich dann im entscheidenden moment abgelenkt. eine frau, die gerade zur wartenden masse stieß, konnte es nicht fassen, dass barack gleich hier vorbei kommen soll. fix wurde ihr mann angerufen, der es auch nicht glauben konnte. zum beweis sollte ich das in den hörer rufen – über die sirenen- und hubschraubergeräusche hinweg. was ich dann auch in meinem schlechten englisch gemacht hab: „it’s true: obama is crossing!!!“ just in diesem moment flitzte er vorbei.

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27/07 das moma stand heute bei mir auf der tagesordnung und ein bißchen pflichtmäßig hab ich das dann auch abgehakt. die picasso- und matisse-sonderausstellungen waren so überlaufen, dass ich sie nur durchquert habe. so ein hype. andererseits finde ich es schön, wenn viele menschen ins museum gehen, aber diese massenevents überfordern mich schnell. dann aber doch noch ein paar moma-perlen gefunden: eine beeindruckende ausstellung über den beitrag von frauen zur fotografie und eine tolle arbeit von laurie anderson „oh superman“ (1981), die lustiger weise vor ein paar tagen bereits hier auf dem blog verlinkt war.

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24/07 die 7 fährt überirdisch durch queens. etwas, das ich heute sehr zu schätzen weiß, da meine füße sich vom vielen laufen über erholung freuen. durch die stadt zu fahren, verändert auch meinen blick auf stadt. ich verlasse manhattan und fahre eng an tag-übersäten häusern vorbei in den flächenmäßig größten borough hinein. der blick stellt sich auf schnelle schnitte ein: alte fabrik- und lagergebäude, aufgerissene straßen, hellbraune backsteinhäuser, dann wieder blöcke aus reihenhäusern aus holz. jemand gießt die blumen auf einem zwischendach, sein hund schaut über den dachrand. immer wieder brettern wir über mehrspurige zufahrtsstraßen, die queens an vielen stellen durchschneiden und die von oben wie unschöne narben aussehen.

Fortsetzung hier und Teil IV hier


1 Antwort auf „post it+++from town to town+V“


  1. 1 post it+++from town to town+VI « from town to town Pingback am 06. August 2010 um 19:15 Uhr
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