post it+++from town to town+VI

fortsetzung von

über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 57 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

++++++++++++++++++++++post+it+++
09/08 meinen letzten tag in ny verbringe ich im bus und am wasser. ich besuche lieblingsorte, lasse mich treiben und springe in verkehrsmittel, die mich irgendwo hinbringen. flaniert bin ich viel, heute surfe ich, um noch möglichst viel zu sehen. was macht new york bei aller unterschiedlichkeit aus? ich fliege nicht mit weniger projektionen nach hause. die geheimnisse bleiben und vieles, das ich nicht verstehen oder beschreiben kann. jede menge post-it, die in der zeit nicht geschrieben wurden: über gefühlte mentalitätsunterschiede, armut in harlem, das jüdisch-orthodoxe leben in williamsburg oder über linken aktivismus. manches ist eben zu komplex, um es mit dem touristischen blick fassen zu können und schließlich brauche ich ja auch einen grund, um wiederzukommen.

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08/08 von innen erinnert der greater refuge temple an ein raumschiff: ein weißer, moderner kuppelbau mit fensterschlitzen; im zentrum ein halbrunder mit violettem teppich ausgelegter altar. darauf befinden sich – wie in einer kommandozentrale – rund 30 gläubige: der priester samt chor. die frauen tragen lange, weiße kleider & aufwendigen kopfschmuck, die männer schwarze anzüge. die gemeinde sitzt in den rängen. und wenn gesungen wird, dann hebt das schiff ab. dass diese gottesdienste in den 60ern wichtige politisierungspunkte der civil-right-bewegung waren, ist gut vorstellbar. erst später lese ich einen verhaltenszettel, der mir in die hand gedrückt wurde: frauen sollen bescheiden sein und keinen teueren schmuck begehren, der die männer in den finanziellen ruin treibt. auch sei es – für frauen wie für männer – verboten, „to wear the apparal of the opposite sex“. schade auch.

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06/08 „no computers on weekends & holidays“, verkünden kleine schilder auf den tischen eines cafes. wo so fürsorglich seinen gästen eine grenze gesetzt wird, mache ich gern eine pause. der brooklyner stadtteil park slope gilt bei rankings als eine der „greatest neighborhoods in america“: ruhig & grün durch die nähe zum prospect park, schöne historische brownstone-häuser und eine gute anbindung an diverse subway-linien. einerseits sprechen die vielen spielzeugläden, hundetagesstätten, veganen cafes und bikram-yoga-schulen für einen hohen gentrifizierungsgrad. andererseits gibt es jede menge günstige delis, alteingesessene haushaltswarenläden und auch die bevölkerung ist (noch) relativ gemischt.

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05/08 die zeit rennt, was ich daran merke, dass ich kaum mit einträgen hinterherkomme und meine liste mit wunschzielen immer länger wird. heute war ich in harlem (bisher sträflich vernachlässigt) und habe mir dort ein konzert von gil scott-heron angehört. ein park, kaum größer als der florapark, gefüllt mit fans, die es sich schon stunden vorher mit essen und getränken gemütlich eingerichtet haben. das konzert ist eine mischung aus poetry lesung, geschichtenerzählen und musik. großer respekt hängt in der luft. seine erzählungen werden lautstark mit „that’s right, man“ kommentiert. die zeitungen hätten geschrieben, dass er mal wieder verschwunden sei, sagt scott-heron. „ich wünschte ich wüsste, wie das geht – zu verschwinden. es gab genug situationen, wo ich gerne verschwunden wäre, aber ich kann es einfach nicht…“

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03/08 „hidden new york“ heißt ein buch, mit dem ich durch die stadt laufe und das mich an ungewöhnliche orte führen soll. so zum beispiel zum „ganesha hindu temple“ in queens. erst mit der schönen überirdischen 7 bis zur endhaltestelle flushing main, das china town queens, dann – so die beschreibung – um die ecke „just 8 blocks“ die bowne street hoch. auf dem weg komme ich an einer katholischen kirche, einem jüdischen zentrum, der imposanten „boon church of oversea chinese mission“, einer protestantischen „presbyterian church“ und einem griechisch orthodoxen treffpunkt vorbei. wo so viel glaube ist, kann mein ziel ja auch nicht mehr weit sein, hoffe ich. vom weiten sehe ich schon die baustelle: der hindu-tempel wird restauriert und ist geschlossen! kein bus weit und breit, der mich zur u-bahn zurück bringen könnte. erschöpft füge ich mich meinem schicksal und starte ich meine pilgertour zurück.

Hier vorherige Einträge Teil V und Teil IV


1 Antwort auf „post it+++from town to town+VI“


  1. 1 post it+++from town to town+V « from town to town Pingback am 16. August 2010 um 15:11 Uhr
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