post it+++from town to town+III

fortsetzung von

über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 25 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

++++++++++++++++++++++post+it+++

09/07 für new york braucht man einen guten infofilter, der wichtiges von unwichtigem trennt, eine art körpereigenen on-/offschalter. mir scheint, dass sich auch das verhältnis von öffentlichkeit und privatheit verschiebt, zum beispiel in der subway. dort feiert eine gruppe von zehn leuten eine party mit hiphop aus’m ghettoblaster und gesprächen quer durch den waggon. davon unbeeindruckt macht eine familie ein picknick, viele mitfahrende spielen mit ihrem cellphone. eigentlich gucken nur die touris hin, einer macht fotos. dann wechselt die gruppe vom tanzen zum wrestling. zwei kämpfen – „just for fun“ – die anderen feuern sie an. mitten im getümmel schläft jemand im stehen, den kopf an eine haltestange gelehnt. sein schalter ist auf off.

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06/07 heute bin ich über die brooklyn bridge gelaufen, vorbei an den knipsenden massen. dieses inflationäre festhalten-wollen von schönen ausblicken führt hier zu staus und genervten radfahrer/innen. auf der anderen seite spaziere ich auf der promenade von brooklyn heights. im sonnenuntergang glitzern die bürotürme im gegenüberliegenden manhattan. auch sonst glitzert und kostet es hier viel, so dass ich mich entscheide, die subway zu nehmen, um woanders günstiger etwas zu essen. beim einstieg in die station „court street“ wird mir zum ersten mal mulmig in der stadt: eine schmale, rostige treppe, müllhaufen, es tropft von der decke. kein mensch steigt mit mir in den abgrund. Die 100% gentrifizierten viertel erkennt man nicht nur an aufgeschickten u-bahn-stationen, sondern auch an deren verfall. denn: wer fährt hier noch öffentlich?

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04/07 am nationalfeiertag steige ich aus dem übervollen new-jersey-zug . vor mir gehen zwei schwarz gekleidete frauen mit kopftuch und tschador. als die jungen muslima die rolltreppe hinauf fahren, sehe ich, dass sie über ihrem schleier ein schwarzes „I love New York“ T-Shirt tragen. auch sie sind auf dem weg zum traditionellen macys firework auf dem hudson river. die ganze stadt ist auf den beinen und alles, was irgendwie nach fahne aussieht, wird in die haare gesteckt oder mit sich getragen. auffällig ist die angenehme vielfalt in der bezugnahme auf die stars & stripes: eine kollektivität, die differenz auszuhalten scheint. wir verlassen die massen, um den abend im ruhigeren brooklyn zu verbringen. ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn in deutschland eine frau mit tschador und deutschland-trikot zum public viewing gehen würde…?

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1/07 nach den nachteilen des provinzlebens muss ich nicht lange suchen: der letzte zug aus der stadt heraus geht um 1.26. nach einem tollen konzert der oblivians – die durch ihren klassiker „guitar shop asshole“ kultstatus haben – verbringe ich die erste nacht schlaflos in nyc. wir lassen uns durch williamsburg treiben und landen in einer kneipe, in der auf kopierten flyern in eiliger schrift die aftershow angekündigt wird. wie immer ist innen alles sehr dunkel, das publikum hetereogen. wir kommen schnell ins gespräch, oft dauern diese nicht länger als 3 minuten, was irgendwie konsequent ist. meine freundin verfängt sich mit einem 60 jährigen bekifften psychologen und einem zigarre rauchenden fülligen schwarzen in ein gespräch darüber, warum in den usa der faschismus nicht möglich gewesen wäre. ich kann nicht mehr & gucke mir zum dritten mal eine dokumentation über slayer an, fasziniert von den schnäuzern & tollen metalmatten. meinen stummen nachbarn beeindrucke ich mit dem insiderwissen, dass nun gleich der gitarrist von megadeth interviewt wird. und nach megadeath fühlt es sich auch an als wir um 6 den zug nehmen.

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30/07 und welche wunder erwarten uns? fragt eine freundin, die zu besuch ist, als wir ins „wonder wheel“ einsteigen. „you will see…“, so die mehrdeutige antwort. wir sind im vergnügungspark auf coney island und sitzen in der weißen gondel und lassen uns überraschen. der weitblick über das meer und auf die stadt sind schon ungewöhnlich genug, gleichzeitig steigen wir direkt an den fassaden der 1960er jahre hochhäuser in die luft. in den trist aussehenden wohnblöcken leben heute viele russische einwanderer/innen. der lunapark selbst versetzt eine/n in die 20er. die schilder sind handgemalt und vom meerwind verwittert: werbetafeln, die in geschwunger schrift „hot french fries“ oder „brooklyn beer“ anbieten. ein schrimps mit fliege & spazierstock soll lust auf seinen verzehr machen. ein gesicht mit clark-gabel-bart & breitem grinsen wirbt für den tickler – ein karussell, das auf den abgrund zubrettert und kurz vor davor noch so eben die kurve kriegt.

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Teil II hier und Teil IV hier.


2 Antworten auf „post it+++from town to town+III“


  1. 1 post it+++from town to town+IV « from town to town Pingback am 13. Juli 2010 um 20:48 Uhr
  2. 2 post it+++from town to town+I « from town to town Pingback am 16. August 2010 um 15:28 Uhr
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