über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 6 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.
++++++++++++++++++++++post+it+++
20/06 glücklich über die williamsburg bridge gelaufen und dabei kirschen gegessen. wie ein rosa elefant trägt mich die hängebrücke von manhattan nach brooklyn. anscheinend aus 1.000 verschiedenen farbeimern gestrichen und doch nie fertig geworden, vermischt sich hier die traditionelle mädchenfarbe rosa in allen möglichen nuancen charmant mit rost.
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19/06 eigentlich war ich nach einem tag im central park schon auf dem weg zum bahnhof, da hat mich die subway entführt. am columbus circle die falsche richtung erwischt. als ich das merke, gibt’s kein entkommen mehr. der zug brettert an allen haltestellen entlang des central parks vorbei. die anderen meist afroamerikanischen mitfahrenden sind davon aber nicht beunruhigt, und so bin ich es auch nicht. es ist ein express, der erst an der 125. straße wieder zum halten kommt: in harlem. ich tauche kurz beim malcom-x-boulevard auf: reges straßenleben, viele kirchen & mosheen auf wenige meter, überall stände, an denen man selbstgebranntes zum hören, schmuck und t-shirts von martin luther king und obama kaufen kann oder von beiden zusammen, verbunden mit einem wort: hope.
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18/06 heute habe ich den himmel und lenin gesucht; ich wollte mir einen überblick verschaffen. und das soll ganz gut gehen – von der aussichtsplattform des rockefeller centers. ich betrete den art-deco-häuserkomplex: innen schwarzer stein, verziert mit goldelementen. „jeder geschlossene raum ist ein sarg“, dieses blumfeldzitat fällt mir ein. der weg nach oben ist teuer: 21 us$. zu teuer, beschließe ich, & verlasse das center, um wo anders den himmel zu suchen. werde im bryant park fündig, ein winziger fleck grün mit interessanter gentrifizierungsgeschichte. ein stück himmel finde ich auch im schönen lesesaal der public library. ach ja, lenin war – wie ich – nur auf stippvisite bei den rockefellers: sein konterfei war teil eines wandgemäldes von diego rivera, das dieser für das foyer eines der häuser entwarf. das hat den damaligen auftraggebern nicht so gefallen & sie ließen das fresko wegen kommunistischer symbolik wieder übermalen.
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17/06 hab mir ’nen lauen gemacht und bin in meinem beschaulichen vorort in new jersey geblieben. hier sind die häuser aus bunt gestrichenem holz, die vorgärten in schuss und die zeitung wird locker mit dem auto ausgetragen und auf die veranda geworfen: bekannte bilder einer us-amerikanischen vorstadtidylle. was schon auf dem ersten blick die idylle trübt, sind die vielen for sale-schilder vor den häusern. allein auf meinem weg zum bahnhof, der 10 minuten entfernt liegt, zähle ich 15 häuser, die zum verkauf stehen oder zu vermieten sind. oft sind sie schon von weitem an der blätternden farbe und den verwilderten gärten zu erkennen. subprime!
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16/06 „lower fat in lower east“ würde ich meinen tag überschreiben, wenn ich eine überschrift finden müsste. das design bestimmt das bewusstsein und außendesign – sprich style – ist hier die heiß gehandelte ware, wo noch vor 30 jahren andere kurzlebige glücksversprechen gedealt wurden. die coolness im ehemaligen junkie-viertel besticht und wirft mich auf eigene identitätsfragen zurück. zweifelsfrei als touri zu identifizieren: was mach ich eigentlich hier mit der karte falsch rum in der hand? nach 2 stunden auf und ab lande ich müde im landmark sunshine cinema, ein renoviertes jiddisches theater und ehemaliger ort für boxveranstaltungen. gezeigt wird eine dokumentation von banksy, in der er den hype von streetart (und seine eigene rolle darin) auf die schippe nimmt. passender film für diesen tag.
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15/06/ first we take brooklyn. heute bin ich zwischen den brücken gelandet. unzählige hochzeitspaare kreuzen meinen weg auf der suche nach dem besonderen foto-background, der zufällig immer derselbe ist. es ist die stelle, an der auch ich sitze: ein kleiner steiniger strand mit der manhattan bridge im hintergrund. die schminke zerläuft bei der hitze, die festtagsfrisur leidet – smile & click. beim gang durchs viertel trifft flakerndes sonnenlicht auf ehemalige lagerhallen in braunklinker. und innen ein gleichmäßiges, wohldosiertes neonlicht, dezente wandfarben und klimatisierte office situationen. ständige licht- und temperaturwechsel von draußen nach drinnen: beim kurzen stopp in einem buchladen, einer galerie und in anderen dumbo-orten.
Fortsetzungen Teil II und Teil III
1 Antwort auf „post it+++from town to town+I“