Seit Weihnachten liegt die Stadt im Schnee. Merkwürdig, da ich in Hamburg schon so lange nicht mehr erlebt habe, dass es über Wochen schneit und die Stadt weiß ist. Die Geräusche sind gedämpft, die Menschen entschleunigt. Ich laufe durch die Stadt, lasse mein Fahrrad stehen. Die Leute, die mir entgegen kommen, schützen ihr Gesicht vor der Kälte, ihr Gang ist wackelig. Eine Unsicherheit, die verbindet, und die im schönen Kontrast zum geschäftigen Kommerztreiben der Vorweihnachtszeit steht.
Das Schneetreiben macht nicht nur die Autofahrer vorsichtiger, sondern auch die Menschen mutiger, sich den Raum der Straße/Stadt zu nehmen. Zum Beispiel Rodeln im Schanzenpark – ein Event, da keine/r verpassen sollte. Bis in die Nacht hinein: schlittern, rutschen, lachen. Eine Freude, dazu noch gratis zu haben. Gestern war ich lange alleine spazieren und habe bis in die Nacht meine Spuren in der Stadt hinterlassen. Neue Wege, neue Perspektiven und eine Idee davon, wie toll Stadt ohne Autos sein könnte.
Dann das Licht. Selbst nachts ist es durch den Schnee relativ hell. Ich fühle mich sicherer als sonst, weil ich mir denke, bei dem Wetter wird wohl niemand hier lauern. Das Thema „Stadt und Sicherheit“ ist für mich stark gegendert: Wie sicher können sich Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, fühlen? Mit „sicher“ meine ich nicht den gängigen Ordnungsdiskurs von wegen Kriminalitätsschwerpunkte, etc. Sich-sicher-fühlen heißt für mich, dass ich bestimmte „mackerdominierte Räume“ meide: die S3 Richtung Stellingen, kurz vor einem HSV-Heimspiel, die Stehpisserkolonnen rund um die Reeperbahn nachts um halb eins, die Public-Viewing-Flächen zur WM/EM, usw. Dass Sicherheit fragil ist merke ich daran, dass ich auf Schritte hinter mir sensibel reagiere und die Leute vorbei gehen lasse. Ich nehme Umwege in Kauf und hänge mich an Pärchen dran, die auch meinen Heimweg einschlagen.
Gestern habe ich mich auf jeden Fall „sicher“ gefühlt: der Hall der Schritte wurde vom Schnee geschluckt, vermummte Menschen auf dem Weg in die Kneipe oder nach Hause, fliegende Schneebälle und eine weiße Schicht, die das Häßliche der Stadt temporär überdeckt. Damit das Ganze hier nicht zu nostalgisch wird: Die Stadt im Schnee ist nur attraktiv für diejenigen, die danach wieder ins Warme flüchten können. Laut Spiegel hat die Kältewelle in Deutschland schon jetzt zehn Obdachlosen das Leben gekostet, zum Wochenende werden aufgrund der klirrenden Kälte weitere Opfer erwartet.
mit der sicherheit ist es irgendwie lustig, finde ich. erst scheint alles so offentsichtlich und dann ist es doch kompliziert. ich schütze mich auch durch solche strategien, wie du sie beschrieben hast, in dem bewußtsein als frau angreifbar zu sein. das interessante bei mir ist dann aber, dass ich durch meine statur häufig für einen mann gehalten werden und erst gestern hat eine frau die straßenseite gewechselt, weil ich hinter ihr ging. das ist ein seltsames gefühl. als ehemals einziger junger auf einer mädchenrealschule denke ich immer, ich würde schon alle aspekte des verwechselt werden kennen, aber das leute vor mir angst haben, während ich damit rechne vor ihnen angst haben zu müssen hätte ich nicht gedacht. letztes oder vorletztes jahr, gab es eine links feministische frauendemo in rom mit 100.000 teilnehmerinnen (ist wahr), weil eine frau vergewaltigt worden war und die frauen es nicht mehr hinnehmen wollten. es gab ein ethnisches klischee in der tat und die demonstrantinnen distanzierten sich ausdrücklich von der presse- und regierungspolitik, die rassimus schüren wollte. das hat mich so beeindruckt wie auch der satz, dass sie nicht mehr lichter auf den straßen sondern mehr lichter in den köpfen ihrer ehemänner und liebhaber bräuchten.
rom scheint mir ein guter ort für frauendemonstrationen. ende der siebziger sind die frauen in gruppen sexy gekleidet auf die straßen und haben männer verprügelt, die übergriffig geworden sind. dann gab es zu der zeit auch große demonstrationen mit dem slogan „tremate tremate le streghe son tornate“ zittert, zittert die hexen sind zurück. und das alles ohne die beruhigung des schnees.
zum schnee fallen mir noch zwei weitere sachen ein. mir ist es zu kalt, ich spüre dann meinen körper nicht mehr und bekomme schnell angst. das finde ich unangenehm. angenehm hingegen war letztens ein spaziergang über das heiligengeistfeld, wo an einem diesigen tag die sonne es knapp über die baumwipfel schaffte und den platz in ein flirrendes panorma verwandelte. ich guckte auf die bismarckstatue und fragte mich, was wohl eine „recht-auf-stadt“-ikone in der hand haben müsste, statt des schwertes, auf dem bismarcks hände ruhen. das hat mich den tag über beschäftigt und ich bin mir ziemlich sicher, dass es gar keine einzelne person sein dürfte, sonder eine figurengruppe sein müsste.
also, zu der recht-auf-stadt-ikone kann ich sagen, für mich wäre spiderman der erste. vielleicht, weil ich ihn als einen der vertreter von parkours, dem die-stadt-mit-den-eigenen-füßen-und-händen-und-sprungkraft sich zu eigen machens, betrachte.