Vattenfall und Kretschmer: Visionen einer Stadt

Das K-Wort ist Hamburg schon bald nicht mehr Synonym für „Kommunismus“ nein, hier wird die „Kreativität“ zum Wort in aller Munde und zu dem Lebenselexier der nachindustriellen kapitalistischen Stadt ernannt. Wie man den jüngsten Zeitungsberichten entnehmen durfte, möchte der allseits bekannte „Kulturinvestor“ und Visionär der Kreativimmobilienzauberei Kretschmer vielleicht die Flora gegen Grundstücke in der östlichen Hafencity tauschen. Und Vattenfall als Konzern will da natürlich nicht nachstehen: Sie machen jetzt auch in „Kreativität“. Gut für unser Nervenkostüm ist es zu wissen, dass sich sowohl die FloristInnen als auch viele KünstlerInnen dieser Kreativitätskakaphonie verwehren. Hier ein Beispiel:

Künstlerinitiative Bullerdeich, März 2011
Nicht ohne die Künstler!
Vattenfalls „Schaffensraum Kraftwerk Bille“

Seit über zwei Jahrzehnten arbeiten Künstlerinnen und Künstler der verschiedensten Bereiche in dem ehemaligen Kraftwerk am Bullerdeich in Hammerbrook. Darunter auch eine große Zahl bildender Künstler/innen wie etwa der BDI-Stipendiat und Documenta-8-Teilnehmer Klaus Kumrow, mehrere Gründungsmitglieder der Hamburger Galerie für Landschaftskunst oder die gegenwärtige Trägerin des Edwin-Scharff-Preises Linda McCue. Künstler gehören zum Bullerdeich, sie verfügen über ein einzigartiges Sensorium für den Ort.

Am Bullerdeich fanden Künstler bisher geeignete Arbeitsbedingungen zu bezahlbaren Konditionen vor. Die neuen Entwicklungen auf dem Areal sind jedoch beunruhigend. 2002 wurde die Vattenfall Europe Wärme AG Eigentümerin des ehemaligen HEW-Kraftwerks an der Bille. Unlängst überraschte sie die Ateliergemeinschaften mit der Nachricht von einem laufenden „Ideenwettbewerb“ für das zum Konversionsareal avancierte Gelände und seine historischen Gebäude. Aus der Ausschreibung ist zu erfahren, dass Vattenfall nach anspruchsvollen Lösungen, vor allem aber nach ökonomischen Nutzungskonzepten für das alte Kraftwerk sucht. Am 07. April veranstaltet Vattenfall dazu einen Workshop, der laut informeller Zielsetzung „Ideen abgreifen“ möchte. Ökonomisch bedeutet hier also – ganz im Gegensatz zu Adam Smiths „Wealth of nations“ – die Aneignung von Werten, nicht zuletzt der Kreativität. Bereits im Juni soll aus dem Wettbewerb ein Sieger gekürt werden. In der Ausschreibung ist auch von mittelfristigen Verkaufsoptionen und günstigem Return on Investment die Rede. Der Wettbewerb selbst scheint zunächst nach allen Seiten offen, doch soll die zukünftige Nutzung zugleich ihre eigene Finanzierung mit einbringen.

Aus Anlass des Vattenfall-Wettbewerbs und seiner Parameter fragen sich die Künstlerinnen und Künstler, ob sie in der Entwicklung am Bullerdeich weiterhin eine Rolle spielen. Werden sie auch hier dem Aufwertungsdruck weichen und ihre Sachen packen müssen? Ein drohendes Szenario, das sich belastend und existenzgefährdend auswirkt.

Mit ihrer gemeinsamen Initiative geben die Künstlerinnen und Künstler am Bullerdeich ihrem vitalen Interesse nach bezahlbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen in Hamburg Ausdruck. Die Initiative steht für eine zentrale Notwendigkeit unserer Gegenwart und dieser Stadt – dafür, dass es Räume geben muss, die der fortschreitenden Ökonomisierung entzogen bleiben. Für diese Perspektive braucht es Konzepte – und Modellfälle.

Das ehemals stadteigene Bille-Kraftwerk kann zu einem solchen Modell werden.
Als ein erster Schritt müsste bereits der Wettbewerb diese innovative Ausrichtung ausdrücklich mit einschließen. Dadurch fänden die am Bullerdeich ansässigen Künstler/innen und gegenwärtigen Mieter/innen in dem Verfahren, das sie bisher vernachlässigt, überhaupt erst eine Berücksichtigung. Erstrebenswert wäre darüber hinaus eine Option nach oben – eine um ein Vielfaches verstärkte künstlerische Nutzung – mit Blick auf die große Zahl derjenigen, die derzeit in Hamburg vergeblich günstige Arbeitsräume suchen.

Der Bullerdeich muss auch in Zukunft ein sicherer Standort für bezahlbare Künstlerateliers sein. Im laufenden Verfahren muss der Erhalt der Künstlerräume zu den gegenwärtigen Konditionen als Mindestvoraussetzung gelten. Als Wettbewerbsausrichter sowie Eigentümer und „Erbe“ des alten Kraftwerks hat Vattenfall diese gesellschaftliche wie kulturelle Verantwortung – und Chance. Vor dem Hintergrund der weithin bekannten Situation der bildenden Kunst in Hamburg wäre dies ein mutiger und zugleich spektakulärer Schritt, der Modellcharakter haben könnte.

Für die Künstlerinitiative Bullerdeich:
ki.bullerdeich@gmx.de
Tanja Hehmann
Helga Lang,
Christoph Rauch