„Ohne Klausmartin Kretschmer wäre so manches Kleinod der Baugeschichte Hamburgs längst verschwunden.“ So wohlklingend lautet eine aktuelle Beschreibung des Besitzers der Roten Flora, der in den vergangenen Tagen und Wochen regelmäßig die Schlagzeilen der lokalen Zeitungen füllte – dies allerdings, weil er offenbar ganz andere Pläne hat, als die von ihm erworbenen Kleinode zu pflegen. So war beispielsweise noch zu Beginn dieser Woche im Hamburger Abendblatt zu lesen, dass Kretschmer „mit dem Verkauf und der Räumung des besetzten Hauses im Schanzenviertel gedroht“ habe. Woher kommt nun also das Bild des „Kulturschützer Klausmartin Kretschmer“?
Bei der noch bis zum 6. Dezember in Sao Paulo stattfindenden 8. Internationalen Architekturbiennale wird Kretschmer präsentiert als jemand, der so gar nichts gemein zu haben scheint mit den tagespolitischen Informationen, die in der Hansestadt über ihn verbreitet werden: Der Internetauftritt der Ausstellung nennt ihn in einem Zuge mit den Initiatoren des Elbphilharmoie-Projekts, dem Architekten und Stadtplaner Alexander Gérard und der Kunsthistrikerin Jana Marko, und bezeichnet die drei als „visionäre Einzelgänger“. Ihr gemeinsamer Beitrag zur Biennale, der neben der Elbphilharmonie und der Roten Flora als drittes Objekt die Oberhafenkantine, ein ebenfalls vom selbsternannten „Kulturinvestor“ Kretschmer erworbenes Kleinod, umfasst, trägt einen Titel, der aus dem Hause „Jung von Matt“ stammen könnte: „Der andere Hamburger Weg – Visionäre zwischen Bürgerlichkeit und Rebellion“. Kretschmer, der Retter maroder Immobilien, der diese im Anschluss an den Erwerb „der alternativen Szene überliess und so dem Immobilienmarkt entzog“.
Fast möchte man es glauben – wären da nicht die Schlagzeilen der vergangenen Tage.
Bei der Architektur-Biennale beziehen sich die Beschreibungen von Kretschmers „Retter“-Allüren jedoch nicht nur auf die linke Szene sondern auch auf die Arbeiterschaft: „Gerettet wurde auch die Oberhafenkantine, eine der letzten Kaffeeklappen, ein einfaches Speiselokal für Hafenarbeiter und eine Rarität in expressivem Backstein.“ Da fällt es fast leicht, zu ignorieren, weshalb diese scheinbare soziale Ader als „Stadtentwicklung der Superlative“ gepriesen wird: „Von dort aus plant Kretschmer Neues, er setzt Impulse für ein kreatives Quartier: Ateliers und Ausstellungsräume für Künstler, Studios, Büros und Werkstätten für Kreative.“
Der deutsche Beitrag der Architektur-Biennale, bei dem neben dem Kretschmer-Projekt noch 30 weitere Bau-Projekte, Standtentwicklungskonzepte, soziale Programme sowie künstlerische Interventionen aus dem gesamten Bundesgebiet präsentiert werden, die die IBA Hamburg als diesjährige Kuratorin ausgewählt hat, trägt einen Titel, der suggeriert, dass die derzeit in Hamburg an allen Ecken der Stadt geführte Diskussion über das „Recht auf Stadt“ schon längst zur Selbstverständlichkeit in der offiziellen Stadtplanung geworden sei und das Netzwerk „Recht auf Stadt“ lediglich ein Nachzügler der bundesweiten Politik: „Cidade para Todos“ – City for All – Ways to Vision“. So kann man auf der dazugehörigen Internetseite lesen, dass „Cidade para Todos“ anhand der Präsentation konkreter Projekte die Frage zu beantworten sucht, welche Konzepte es für die Zukunft der Städte im 21. Jahrhundert gibt.
Entworfen werden Skizzen von Metrozonen, Kosmopolis und Ecospaces – Begriffe, die den drei Leitthemen der IBA Hamburg nahezu im Wortlaut entsprechen (lediglich „Stadt im Klimawandel“ wurde in Sao Paulo zum geschmeidigeren „Ecoscapes“). „Dass diese Zukunftsbilder keine Utopie sind, zeigen die hier vorgestellten gebauten oder geplanten Projekte.“