Vorbereitende Audiation

Was ist „Audiation“?


Der Begriff Audiation wurde von dem amerikanischen Musiker, Musikpädagogen, Musikpsychologen und Wissenschaftler Edwin E. Gordon geprägt und ist Kern seiner in langjährigen Forschungen entwickelten Music Learning Theory (MLT). Gordon ging dabei der Frage nach, wie Lernprozesse angelegt sein sollten, damit Menschen in Anlehnung an natürliche Lernweisen auch musikalisch möglichst optimal gefördert werden können.

Für Gordon ist Audiation das Zentrum seiner Music Learning Theory.

Gordon definiert Audiation als Hören und gleichzeitiges musikalisch-syntaktisches Verstehen von Musik, die physikalisch nicht (oder nicht mehr) erklingt. Musikalisches Verstehen meint die Fähigkeit, musikalische Elemente in einen größeren harmonisch-tonalen bzw. metrischen-rhythmischen Zusammenhang einordnen zu können.

Audiation ist im Verhältnis zur Musik, was Denken im Verhältnis zur Sprache ist. Audiieren kann somit als eine Art des Denkens in Musik beschrieben werden.

Die Schulung der Audiationsfähigkeit ermöglicht ein vielschichtiges und tiefgreifendes Verständnis für musikalische Gestaltungsprozesse und eröffnet im Idealfall die Möglichkeit, mit musikalischen Mitteln das ausdrücken zu können, was die Person musikalisch bewegt. Es ist vergleichbar mit Sprachprozessen, bei denen alltäglich improvisiert wird, um das zu vermitteln, was uns bewegt.

„Ich verändere meine Erwartungen und habe von den Kindern viel gelernt.“
Fei Han

Die vorbereitende Audiation


Mittels vorbereitender Audiation werden Kinder zum Audiationslernen hinführt. Sie beginnt im Idealfall mit der Geburt und umfasst die Bildung eines umfassenden Hörrepertoires.

Die Voraussetzung für den Übergang zum Audiationslernen ist im tonalen Bereich gegeben, wenn Kinder selbstständig (unbewusst) den Tonalitätsgrundton eines Liedes singen können.

Im rhythmischen Bereich sollten Kinder mit Bewegung selbstständig Metrumspulse zu Sprechgesängen und Liedern finden und ihre Bewegungen mit Atmung und Stimme koordinieren können.

Stufen der vorbereitendenden Audiation


Stufe 1: Akkulturation

Geburt bis ca. 2-4 Jahre: Das Kind beteiligt sich mit geringem Bewusstsein an seinem musikalischen Umfeld

Absorbieren

Das Kind nimmt die Musik auditiv wahr und sammelt Eindrücke.

   
 

Zufälliges Antworten

Das Kind bewegt sich, brabbelt als Reaktion auf die Musik, ohne dass diese Reaktion direkten Bezug zur gehörten Musik hat.

 
   

Absichtsvolles Antworten

Das Kind versucht, seine Laute und Bewegungen mit der gehörten Musik in Beziehung zu bringen.

Stufe 2: Imitation

2-4 bis ca. 3-5 Jahre: Das Kind beteiligt sich bewusst an seinem musikalischen Umfeld

Ablegen der Egozentrizität

Das Kind erkennt, dass seine Laute und Bewegungen nicht mit der gehörten Musik zusammenpassen.

   
   

„Knacken des Codes“

Das Kind beginnt, tonale und rhythmische Patterns mit gewisser Präzision zu imitieren.

Stufe 3: Assimilation

3-5 bis ca. 4-6 Jahre: Das Kind geht bewusst, mit Konzentration auf sich selbst, mit der Musik um

Selbstbeobachtung

Das Kind erkennt die fehlende Koordination zwischen seinem Singen/Sprechen von Patterns, Atmen und Bewegungen.

   
   

Koordination

Das Kind koordiniert sein Singen/Sprechen von Patterns mit Atmung und Bewegungen.