Allgemein – mit texten rasen http://mthr.blogsport.eu Wed, 19 Mar 2014 09:51:57 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.18 Hasel http://mthr.blogsport.eu/2014/02/18/hasel/ http://mthr.blogsport.eu/2014/02/18/hasel/#respond Tue, 18 Feb 2014 15:53:26 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=283 ]]>
Hasel
Mein Feind hat drei oberarmdicke Stämme. Sie verzweigen sich direkt am Boden und haben eine gemeinsame Wurzel, die tief nach unten in die Stadt reicht. Bis jetzt hat er jeden Sturm gut ausgehalten. Er dreht und windet seine Äste mit dem Wind und sie weigern sich zu brechen, selbst wenn sie in einer Boe waagerecht im Wind stehen oder plötzlich drei Meter nach unten weisen.

„Diese Freundin von dir, aus Kiel…“
„Ja?“
„Könnte die nicht?“
Sie schaut vom Display direkt in meine Augen. Noch mit dem unfokussierten Blick, den man hat, wenn man gerade irgendwo anders auf der Welt war und sich dann durch Zuruf an dem gleichen Ort wiederfinden soll, an dem der Körper ist.
„Tschuldige, was willst du? Nach Kiel?“
„Du hörst mir nicht zu.“
„Doch, ich wollte nur noch gerade die Mail löschen. Den Call kann ich eh nicht wahrnehmen. Mann, mann, mann ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Auf der Arbeit wird es auch immer schlimmer. Du weißt doch, die Kollegin aus dem Vertrieb…“
„Ey. Ich wollte dir eine Frage stellen.“
„Mach doch. Ich bin doch hier.“

Sonst habe ich mehr Verständnis für Mobilfunkabsenzen. Heute frage ich mich, warum sie nicht mal da sein kann, wenn sie da ist. Meine Gereiztheit breitet sich wellenförmig aus. Dass die Butter noch so kalt ist, dass sie sich nicht glatt verstreichen lässt. Dass ich noch mit dem Hund raus muss. Dass ich nicht weiter weiß, bei welchem Job ich mich bewerben soll. Dass die Sonne scheint und ich meine Sonnenbrille verlegt habe. Dass sie mir nicht zuhört. Ich bin mir sicher, der Grund für meine Gereiztheit ist sechs Meter hoch, hat eine mindestens so lange Wurzel und steht vor meinem Schlafzimmerfenster. Dieses Jahr ist der Winter so mild, dass an dem ansonsten nackten Baum jetzt schon gelblich satte Haselnussblüten hängen und mich hämisch annicken. Selbst der Orkan letztens hat sie nicht abgerissen, dabei hatte ich meine ganze Hoffnung auf ihn und die darauf folgende kurze Periode von Minusgeraden gesetzt. Sollte die Natur nicht ebenso darunter leiden, wie mein Kreislauf, wenn die Temperatur innerhalb von zwei Wochen 20 Grad Unterschied hat? Von minus 12 bis plus 8 in no time? Offensichtlich, wenn man den Baum betrachtet, tut sie es nicht. Morgens wache ich mit dichter Nase und dicken Augen auf und brauche ein, zwei Stunden bis ich wieder ein normales Gesicht habe, die weißen pufferigen Ringe unter meinen Augen verschwinden.
„Ist die nicht Landschaftsgärtnerin?“
„Wer jetzt?“
„Deine Freundin aus Kiel.“
„Ach, Ulla, warum sagst du das nicht gleich?“
„Wollte ich doch.“
„Ja, ist sie.“
Ich wollte, dass Ulla in ihren Arbeitsklamotten vorbeikommt, am besten mit einem Gärtnereiwagen, und dann am hellichten Tag die Haselnuss absägte. Sie soll ja nicht ganz weg, aber tiefer als mein Fenster soll sie werden.
„Das ist doch zu aufwändig. Warum machen wir das nicht einfach nachts?“
„Und wenn uns doch jemand sieht?“
„Was sollen die schon sagen? Beim Vermieter petzen?“
Das hat es bei uns schon gegeben. Da habe ich Belege für gesehen. Und letztes Jahr habe ich den Hausmeister gebeten, sich um die Haselnuss zu kümmern und er hat einen Ast sehr weit runter geschnitten. Mehr würde nicht gehen, denn sonst würden die Nachbarn aus der anderen Reihe Sturm laufen, aus Naturschutzgründen, das verstünde ich doch? Verstanden habe ich es, aber meine Augen nicht.
„Wenn uns nachts dabei jemand erwischt, dann ist es scheiße.“
„Mann muss es sonntags morgens um 4 machen. Da ist keiner wach.“
„Aber so eine Säge, so eine Säge macht doch auch Lärm. Nein, am besten ist es, wenn jemand in Gärtneruniform das werktags macht und so tut, als hätte er einen Auftrag.“
„Aber Ulla hat doch so gut wie nie Zeit.“
„Ich weiß doch auch nicht.“
So geht das jetzt seit ich hier wohne. Die Haselnuss wächst, die Pollen werden mehr, das Licht weniger und ich traue mich nicht. Selbst möchte ich nicht sägen, weil dann alle Pollen auf mich hinabregnen werden und ich mich fürchte, dass ich tagelang die Augen nicht aufbekommen werde.
„Komm, lass mal raus, hier wird das doch nicht besser.“
„Vielleicht hast du recht.“

Wir parken das Auto vor dem Golem. Da ist immer ein Parkplatz für uns.
„Ich liebe die Kräne.“
„Seit Jahren. Das hört nie auf.“
„Das glaube ich auch.“
„Wollen wir bis Övelgönne?“
„Wenn du meinst.“
Wir gehen los. Der Wind, der hier wohnt pfeift wie immer und das Wasser sieht heute riesig aus, das tut es bei Flut.
Wir gehen an Einrichtungen vorbei, Küchen, Wohnzimmer, Weinkeller im Tempo unserer Schritte erscheinen und verschwinden sie.
„Die Kissen von Cor mag ich“.
„Kosten einen Wocheneinkauf.“
„Ja, ja. “
Von den Einrichtungen geht es zu den Fischimbissen und ich bin mir sicher, hier nichts zu wollen. Der Hund läuft voran und heute muss man sich keine Sorgen machen, denn um diese Zeit sind keine anderen Hundehalter unterwegs.

Der Strand liegt leer vor uns. Im Winter kann das manchmal passieren. Weißer frisch geplätteter Sand, der von unsichtbaren Menschen gepflegt wird. Im Sommer müssen es Zehntausende sein, die ihn nutzen.
„Hast du eigentlich jemals gesehen, wie der Sand geliefert wird?“
„Nein. Meinst du wirklich, er liegt hier nicht einfach so?“
„Wo soll er herkommen? Ich bin mir sicher, sie fahren ihn an.“ Der Hund gräbt ein Loch in den Sand, wir stehen um ihn herum und warten und warten. Immer noch tiefer und noch keine Erde in Sicht. Wenn sie den Sand heranfahren, dann müssen es Unmassen sein. Ich habe sogar gehört, dass sie das auf Sylt auch machen, dass sie beim Sturm Angst hatten wegen dem kostbarem aufgeschütteten Sand auf den neunzig Kilometer Strand. Woher er wohl kommt. Vielleicht ist es Importsand aus der Sahara. Besser als Haselnusspollen ist er allemal. Das weiß ich, denn hier geht es meinen Augen gut und auf Sylt auch.

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IDPET und die Herrenreiter http://mthr.blogsport.eu/2014/02/14/idpet-und-die-herrenreiter/ http://mthr.blogsport.eu/2014/02/14/idpet-und-die-herrenreiter/#respond Fri, 14 Feb 2014 08:30:57 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=278 ]]>  

Okay, der Bildungsplan in Baden-Würtenberg wurde so beschlossen, dass es
nun fortan auch offiziell LGBTTI-Lebensweisen geben darf. Das ist toll
und wir sollten es feiern. Denn es ist noch nicht so lange her, dass
Lesben, Schwule, Trans, Intersex mit offizieller Legitimation diskriminiert
und gedemütigt wurden. Ist es überhaupt schon vorbei?

Denn: Es gibt sie noch, die Zwangsoperationen von intersexuellen Kindern,
die alltäglichen Ausgrenzungen von Queers, die Selbstmorde von
LGBTTI-Jugendlichen und -Erwachsenen. Es gibt noch „Schwul“ und „Homo“
als Schimpfwort. Es gibt noch das schwierige Coming-Out von Erwachsenen
und selbst unter den günstigsten Umständen, als erwachsene
selbstständige Frau in einer toleranten Großstadt im einigermassen
homofreundlichen Schland, fällt es mir bei neuen Bekanntschaften immer
noch schwer, gleichberechtigt von „meiner Freundin“ zu sprechen, wenn das
Thema Beziehungen auf den Kneipentisch kommt. Und das kommt es immer,
denn es ist der Moment, in dem die Arbeits- oder Studienbekanntschaft zum
Teil des Privaten wird, ja, in dem die Bekanntschaft die Möglichkeit der
Freundschaft anbietet: Sieh her, ich erzähle dir aus meinem Privatleben.
Und dann steht mann (sic) vor der Wahl: Dieses Angebot höflich umgehen
und fremd bleiben oder das Angebot annehmen und fremd werden.
Und in all diese zugegeben kleinen Momente der Fremdheit kommen sie
dann hinein, die immer lauter werdenden Herrenreiter der Reaktion. Die
Eva-Herrmanns, Sarazzins, Elsässers, die Kelles, und all die unzähligen
IDPET-Unterschreiber, die Evangelikalen und die Demonstranten gegen
Homoehe in Stuttgart. Und sie machen deutlich, dass jeder Fortschritt weiter
umkämpft sein will. Darum liest man sie dann, die Artikel, und guckt sie,
die Sendungen. Man kann sie nicht ignorieren, denn man muss den Mund
aufmachen für eine Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen kein
Feind ist, sondern im besten Fall solidarisch zur Seite steht.

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Blaues Schwingen http://mthr.blogsport.eu/2013/12/29/blaues-schwingen/ http://mthr.blogsport.eu/2013/12/29/blaues-schwingen/#respond Sun, 29 Dec 2013 09:20:02 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=262 ]]>
Die geografische Mitte Hamburgs ist der Fernsehturm. Zehn gemächlich gegangene Minuten von ihm entfernt, am Park entlang, an der Messe vorbei, ein bisschen links, ein bisschen rechts: Ein Garten. Die Bäume älter als 20 Jahre. Der Teich sumpfig und voller Seerosen. Der Rasen kaputt von zu viel Schatten, zu vielen Festen, zu viel Fußballspiel. Die Möbel von der Witterung stark beansprucht. Die Katzen alt, die Hunde jung. Tagsüber steht die Sonne tiefer als noch vor zwei Wochen, wo der Sommer endlos schien und ich mir Gedanken darüber machte, wie ein dauerhaftes Leben mit Hitze wohl aussehen würde. Wann arbeiten? Wann den Hund ausführen? Wie viele Ausflüge pro Woche, um die Sonne zu genießen?

Zwei Straßen weiter legt der Hamburger Dom einen Gang zu, bevor er in einer Stunde seine Fahrgeschäfte und Buden schließen wird. Menschen kreischen in der Achterbahn und in all den Whirl-arounds und Shoot-me-ups und Make-me-whoopees. Ihr Schreien klingt bis unter die Bäume. Ab und an das drängende Hupen der Raupe: Wööööt, wööööt, wööööt. – Man hört innerlich die Stimmen, die einen zur Fahrt einladen wollen: „Kommen Sie rein! Kommen Sie rein! Hier Emotionen pur.“

Neben dem Wööööööt liegt auch noch ein Huuuuuhuiuiuihuuuu in der Luft. Es ist mächtig. Es fängt mal an, mal hört es auf. Es macht was mit mir. Ich weiß noch nicht was. Ich weiß auch noch nicht, ob ich das will. An dem langen, ehemals roten Tisch unter dem Kirschbaum suchen wir uns bequeme Sitzpositionen. Ich lege meine Füße auf einen leeren Stuhl. Anni setzt sich gerade, und Brando, Brando braucht seine Zeit. In seinem Gesicht ist jeder Muskel angespannt. Das Bier hinterlässt einen kühlen Film auf dem Glas, ich male ein Muster hinein und trinke dann einen Schluck. Das mit dem Bier ist so eine Sache. Silvester hatte ich Lust auf ein Jahresvorhaben. Es sollte nicht vernünftig sein. Also dachte ich, dass man mit über 40 wohl anfangen könnte, mehr als eine Flasche Alkohol pro Jahr zu trinken. Irgendwelche Vorteile muss das Altern ja haben, wenn schon die Zähne schlechter und die Gelenke steifer werden. Die ersten sechs Monate war ich gnadenlos gescheitert. Immer, wenn ich etwas trinken wollte, schien die Gelegenheit nicht günstig, aber seit einer Woche komme ich auf ein halbes Bier am Abend und bin froh. Aus dem Huuuuu wird Whuuuuuuhhhhhhuuu. Mein Schweigen wird melancholisch.

Auf einem der Balkone erscheint Gertrud: „Parademarsch, Parademarsch, der Hitler hat ein Loch im Arsch.“ Kaum hat sie den Satz zu Ende gebracht, geht sie wieder zu ihrem Fernseher.

Brando setzt sich umständlich um und zündet sich dann eine Zigarette an. Die Muskeln um seine Augen ziehen sich kurz zusammen, bevor er wieder ein neutrales Gesicht macht.

„Hast du Schmerzen?“ Ich frage, obwohl ich das selbst nicht gerne gefragt werde, aber Schmerzen gegenüber zu sitzen und nichts zu tun, geht auch schlecht. „Sieht man mir das an?“ Er kommt sich beobachtet vor. „Ja. Kann man denn gar nichts tun?“

Intimität, dein Name sei Nachbarschaft. Ich weiß so viel über Brandos Rücken wie er über meine Zähne: dass ich es zwar inzwischen schaffe, zum Zahnarzt zu gehen, aber das mit dem Kieferchirurgen nicht kann und noch immer keinen richtigen Weg weiß, wie es ablaufen könnte. Er weiß auch, dass man mich nicht oft darauf ansprechen kann, weil ich dann Kopfschmerzen kriege und noch mehr Blockaden. Ich hingegen weiß, dass sein Sohn gerade in die Schule gekommen ist, welche Beulen, Mückenstiche und Schrammen der Junge hat und wie freundlich er ist. Whoooouuuuuuuwhoouuuuuu. Stimmen werden laut.

„Voll geil, da habe ich ihm ein ganzes Pfund verkauft und der hat nicht gemerkt, dass es doppelt teuer war.“ – „Alter, irgendwann kriegste aufs Maul, ich schwör’s dir!“ Das Gespräch läuft hinter dem hohen Metallzaun ab, der unseren Rasen vom anderen Hof trennt. Gebüsch und Bäume auf beiden Seiten garantieren Blickschutz. Aber wie man hier so oft feststellen kann, ist Unsichtbarkeit nicht das Gleiche wie Anonymität. „Quatsch!“ – „Ist der Stress mit deiner Alten eigentlich vorbei?“ – „Will ich nicht drüber reden, die nervt voll. Keine Ahnung, was sie von mir will. Cool ist das nicht.“ – „Gib rüber.“ – „Hier.“

Uuumtschakssssszzzzzzssssswhoouuuhuuuii. Hinter einer mannshohen Mauer, über die man zwar nicht gucken, aber klettern kann, wohnen die Künstler. Sie veranstalten ein Konzert. Wir sitzen mittendrin. Das Jammern der singenden Säge, Anni war es, die das Whoouuuhuuuii zuerst erkannte,schmiegt sich wie Luft um alle anderen Geräusche herum. Der Hund bellt in den Sound. Unsere Gespräche flechten sich in ihn ein. Das Klingeln eines Telefons in einer der dreißig Wohnungen, deren Balkone auf den Garten hin sehen, wird Teil der Komposition. Gertrud kommt wieder auf ihren Balkon und schreit über uns hinweg: „Kohl war auch so ein Arschloch! Nazipack! SS-Schergen! Und Josef Stalin, geboren 1872 –auch so einer von denen. Fett ist er geworden, der Kohl. Aber ich kann meine Pfennige zusammenhalten, das kann ich. Und mit meinem Bein komme ich noch hoch. Soraya, die war eine echte Königin, aber Farah Diva, die war ja aus dem französischen Puff. Das muss man sich mal vorstellen!“ Gertrud lacht. Laut. Täglich zählt sie die Daten ihres Lebens auf, um sich und andere davon zu überzeugen, dass ihr Kopf noch funktioniert. Die Zahlen sind meist richtig, aber die Listen so ermüdend, dass man nach ein, bei geduldigen Menschen zwei Jahren nicht mehr den Versuch eines ernsthaften längeren Zuhörens macht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es darum auch nicht geht, denn Gertrud stellt nie Fragen. Sie singt quasi, mit Liedern als Refrain, den immer gleichen Blues in den Garten mitten in der Stadt. Mit über siebzig hat sie aufgehört zu trinken und nur die Geschichten davon, wie sie einen Balkonpfeiler umarmend im Stehen ihren Rausch ausschlief oder nachts auf der Treppe liegend ihre Arme über den Kopf hob und Ayatollah Khomeini anrief, schwappen noch hin und wieder träge durch die Nachbarschaft. Erzeugen Verwunderung darüber, was alles passieren kann, wenn der Tag lang und das Viertel um uns herum voller wild gebauter Biografien ist.

Ein Bass gesellt sich sanft pulsierend zur Säge. Über uns ist Vollmond.
„Meinst du, die veranstalten da drüben satanistische Rituale?“ – „Bleib mir weg mit dem Scheiß.“ – „Ich frage ja nur, habe letztens im Fernsehen …“ – „Brando, ehrlich, ich will’s nicht hören.“ – „Also, da passieren ja Sachen, ganz in unserer Nähe …“

Schreiend stürzen die nächsten kontrolliert in ihren Wagen die Berge der Achterbahn hinab. Gertrud beginnt zu singen: „Alle Nazis sind schon da, alle Nazis, alle. Hitler, Göring und die Schar …“ Ich denke darüber nach, wie das Viertel wohl in Gertruds Jugend ausgesehen hat. Sicher bin ich nur darüber, dass etwa 500 Meter weiterein Deportationsbahnhof war. Ob Gertrud die Transporte gesehen hat oder ob sie da schon in der Psychiatrie war, weiß ich nicht. Solche Fragen kann man ihr auch nicht mehr stellen. Es sei denn, man akzeptiert ihre Lieder und Weltbeschimpfungen als Antworten.Die Sägenmusik mit ihrer schwingenden Schwermut, Gertrud und der dämliche Vollmond über mir lassen mich die Gedanken schlechter verdrängen als sonst, und ich frage mich, wie ich es in Deutschland aushalte, wo die Kontinuität schon in den Steinen liegt.

„Meint ihr eigentlich, sie haben mit der Mauer, dem Palast der Republik und all den anderen Funktionsbauten schon mehr DDR-Geschichte abgerissen, als sie je Nazigeschichte aus dem Stadtbild gelöscht haben?“ Brando guckt in die Luft und denkt nach. „Naja, Reichtstag, da hilft die Glaskuppel auch nicht so wirklich.“ – Wööt Wööt Wööt. „Haben wir denn noch keine Elf? Ich habe das Gefühl, wir sitzen schon Jahre hier.“ – „Das liegt an dem Konzert. Ich wusste gar nicht, dass man eine singende Säge auch verstärken kann. Wo wohl der Abnehmer sitzt? Meint ihr, der ist am Sägeblatt angebracht? Es klingt so greifbar. Als würde man es nicht wirklich hören. Als würde man es fühlen.“

Ich gucke auf meine Arme, sehe die kleinen Pocken der Gänsehaut und muss Anni recht geben. Die Musik ist gerade irgendwie größer als ihre Physik. Ein Auto fährt durch die Straße. Die Jungs nebenan stellen sich mit Hilfe ihrer Handys neue Lieder vor, ein paar Nachbarn unterhalten sich auf ihren Balkonen, Gertrud singt nun das Rosa-Luxemburg-Lied und alles wird durch die Säge, den Bass und das inzwischen hinzugekommene Jazzschlagzeug verbunden. Entweder haben die Künstler alle Fenster ihrer Galerie offen oder sie lassen direkt draußen musizieren, was konsequent wäre, denn darauf, dass irgendjemand ihre Aktivitäten vielleicht nicht immer mögen könnte, pfeifen sie recht herzlich. Glücklicherweise mag ich manchmal sogar nachts um drei Musik, und nachdem ich mich daran gewöhnt habe, dass sie an ihrem Lagerfeuer oder in der Feuertonne alles verbrennen, was ihnen in die Hände fällt – egal, ob lackiert oder nicht –, gucke ich nicht mehr jedes Mal, wenn der Geruch von Rauch meine Erinnerungen an den Hausbrand von damals weckt, meine ganze Wohnung danach durch, ob irgendwo ein Kabel schmort. Ich habe durch sie gelernt, die Entfernung eines Feuers zu riechen. Kann man damit wohl Geld verdienen? Weiß das jemand?

 

 

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