paula – mit texten rasen http://mthr.blogsport.eu Wed, 19 Mar 2014 09:51:57 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.18 Hasel http://mthr.blogsport.eu/2014/02/18/hasel/ http://mthr.blogsport.eu/2014/02/18/hasel/#respond Tue, 18 Feb 2014 15:53:26 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=283 ]]>
Hasel
Mein Feind hat drei oberarmdicke Stämme. Sie verzweigen sich direkt am Boden und haben eine gemeinsame Wurzel, die tief nach unten in die Stadt reicht. Bis jetzt hat er jeden Sturm gut ausgehalten. Er dreht und windet seine Äste mit dem Wind und sie weigern sich zu brechen, selbst wenn sie in einer Boe waagerecht im Wind stehen oder plötzlich drei Meter nach unten weisen.

„Diese Freundin von dir, aus Kiel…“
„Ja?“
„Könnte die nicht?“
Sie schaut vom Display direkt in meine Augen. Noch mit dem unfokussierten Blick, den man hat, wenn man gerade irgendwo anders auf der Welt war und sich dann durch Zuruf an dem gleichen Ort wiederfinden soll, an dem der Körper ist.
„Tschuldige, was willst du? Nach Kiel?“
„Du hörst mir nicht zu.“
„Doch, ich wollte nur noch gerade die Mail löschen. Den Call kann ich eh nicht wahrnehmen. Mann, mann, mann ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Auf der Arbeit wird es auch immer schlimmer. Du weißt doch, die Kollegin aus dem Vertrieb…“
„Ey. Ich wollte dir eine Frage stellen.“
„Mach doch. Ich bin doch hier.“

Sonst habe ich mehr Verständnis für Mobilfunkabsenzen. Heute frage ich mich, warum sie nicht mal da sein kann, wenn sie da ist. Meine Gereiztheit breitet sich wellenförmig aus. Dass die Butter noch so kalt ist, dass sie sich nicht glatt verstreichen lässt. Dass ich noch mit dem Hund raus muss. Dass ich nicht weiter weiß, bei welchem Job ich mich bewerben soll. Dass die Sonne scheint und ich meine Sonnenbrille verlegt habe. Dass sie mir nicht zuhört. Ich bin mir sicher, der Grund für meine Gereiztheit ist sechs Meter hoch, hat eine mindestens so lange Wurzel und steht vor meinem Schlafzimmerfenster. Dieses Jahr ist der Winter so mild, dass an dem ansonsten nackten Baum jetzt schon gelblich satte Haselnussblüten hängen und mich hämisch annicken. Selbst der Orkan letztens hat sie nicht abgerissen, dabei hatte ich meine ganze Hoffnung auf ihn und die darauf folgende kurze Periode von Minusgeraden gesetzt. Sollte die Natur nicht ebenso darunter leiden, wie mein Kreislauf, wenn die Temperatur innerhalb von zwei Wochen 20 Grad Unterschied hat? Von minus 12 bis plus 8 in no time? Offensichtlich, wenn man den Baum betrachtet, tut sie es nicht. Morgens wache ich mit dichter Nase und dicken Augen auf und brauche ein, zwei Stunden bis ich wieder ein normales Gesicht habe, die weißen pufferigen Ringe unter meinen Augen verschwinden.
„Ist die nicht Landschaftsgärtnerin?“
„Wer jetzt?“
„Deine Freundin aus Kiel.“
„Ach, Ulla, warum sagst du das nicht gleich?“
„Wollte ich doch.“
„Ja, ist sie.“
Ich wollte, dass Ulla in ihren Arbeitsklamotten vorbeikommt, am besten mit einem Gärtnereiwagen, und dann am hellichten Tag die Haselnuss absägte. Sie soll ja nicht ganz weg, aber tiefer als mein Fenster soll sie werden.
„Das ist doch zu aufwändig. Warum machen wir das nicht einfach nachts?“
„Und wenn uns doch jemand sieht?“
„Was sollen die schon sagen? Beim Vermieter petzen?“
Das hat es bei uns schon gegeben. Da habe ich Belege für gesehen. Und letztes Jahr habe ich den Hausmeister gebeten, sich um die Haselnuss zu kümmern und er hat einen Ast sehr weit runter geschnitten. Mehr würde nicht gehen, denn sonst würden die Nachbarn aus der anderen Reihe Sturm laufen, aus Naturschutzgründen, das verstünde ich doch? Verstanden habe ich es, aber meine Augen nicht.
„Wenn uns nachts dabei jemand erwischt, dann ist es scheiße.“
„Mann muss es sonntags morgens um 4 machen. Da ist keiner wach.“
„Aber so eine Säge, so eine Säge macht doch auch Lärm. Nein, am besten ist es, wenn jemand in Gärtneruniform das werktags macht und so tut, als hätte er einen Auftrag.“
„Aber Ulla hat doch so gut wie nie Zeit.“
„Ich weiß doch auch nicht.“
So geht das jetzt seit ich hier wohne. Die Haselnuss wächst, die Pollen werden mehr, das Licht weniger und ich traue mich nicht. Selbst möchte ich nicht sägen, weil dann alle Pollen auf mich hinabregnen werden und ich mich fürchte, dass ich tagelang die Augen nicht aufbekommen werde.
„Komm, lass mal raus, hier wird das doch nicht besser.“
„Vielleicht hast du recht.“

Wir parken das Auto vor dem Golem. Da ist immer ein Parkplatz für uns.
„Ich liebe die Kräne.“
„Seit Jahren. Das hört nie auf.“
„Das glaube ich auch.“
„Wollen wir bis Övelgönne?“
„Wenn du meinst.“
Wir gehen los. Der Wind, der hier wohnt pfeift wie immer und das Wasser sieht heute riesig aus, das tut es bei Flut.
Wir gehen an Einrichtungen vorbei, Küchen, Wohnzimmer, Weinkeller im Tempo unserer Schritte erscheinen und verschwinden sie.
„Die Kissen von Cor mag ich“.
„Kosten einen Wocheneinkauf.“
„Ja, ja. “
Von den Einrichtungen geht es zu den Fischimbissen und ich bin mir sicher, hier nichts zu wollen. Der Hund läuft voran und heute muss man sich keine Sorgen machen, denn um diese Zeit sind keine anderen Hundehalter unterwegs.

Der Strand liegt leer vor uns. Im Winter kann das manchmal passieren. Weißer frisch geplätteter Sand, der von unsichtbaren Menschen gepflegt wird. Im Sommer müssen es Zehntausende sein, die ihn nutzen.
„Hast du eigentlich jemals gesehen, wie der Sand geliefert wird?“
„Nein. Meinst du wirklich, er liegt hier nicht einfach so?“
„Wo soll er herkommen? Ich bin mir sicher, sie fahren ihn an.“ Der Hund gräbt ein Loch in den Sand, wir stehen um ihn herum und warten und warten. Immer noch tiefer und noch keine Erde in Sicht. Wenn sie den Sand heranfahren, dann müssen es Unmassen sein. Ich habe sogar gehört, dass sie das auf Sylt auch machen, dass sie beim Sturm Angst hatten wegen dem kostbarem aufgeschütteten Sand auf den neunzig Kilometer Strand. Woher er wohl kommt. Vielleicht ist es Importsand aus der Sahara. Besser als Haselnusspollen ist er allemal. Das weiß ich, denn hier geht es meinen Augen gut und auf Sylt auch.

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IDPET und die Herrenreiter http://mthr.blogsport.eu/2014/02/14/idpet-und-die-herrenreiter/ http://mthr.blogsport.eu/2014/02/14/idpet-und-die-herrenreiter/#respond Fri, 14 Feb 2014 08:30:57 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=278 ]]>  

Okay, der Bildungsplan in Baden-Würtenberg wurde so beschlossen, dass es
nun fortan auch offiziell LGBTTI-Lebensweisen geben darf. Das ist toll
und wir sollten es feiern. Denn es ist noch nicht so lange her, dass
Lesben, Schwule, Trans, Intersex mit offizieller Legitimation diskriminiert
und gedemütigt wurden. Ist es überhaupt schon vorbei?

Denn: Es gibt sie noch, die Zwangsoperationen von intersexuellen Kindern,
die alltäglichen Ausgrenzungen von Queers, die Selbstmorde von
LGBTTI-Jugendlichen und -Erwachsenen. Es gibt noch „Schwul“ und „Homo“
als Schimpfwort. Es gibt noch das schwierige Coming-Out von Erwachsenen
und selbst unter den günstigsten Umständen, als erwachsene
selbstständige Frau in einer toleranten Großstadt im einigermassen
homofreundlichen Schland, fällt es mir bei neuen Bekanntschaften immer
noch schwer, gleichberechtigt von „meiner Freundin“ zu sprechen, wenn das
Thema Beziehungen auf den Kneipentisch kommt. Und das kommt es immer,
denn es ist der Moment, in dem die Arbeits- oder Studienbekanntschaft zum
Teil des Privaten wird, ja, in dem die Bekanntschaft die Möglichkeit der
Freundschaft anbietet: Sieh her, ich erzähle dir aus meinem Privatleben.
Und dann steht mann (sic) vor der Wahl: Dieses Angebot höflich umgehen
und fremd bleiben oder das Angebot annehmen und fremd werden.
Und in all diese zugegeben kleinen Momente der Fremdheit kommen sie
dann hinein, die immer lauter werdenden Herrenreiter der Reaktion. Die
Eva-Herrmanns, Sarazzins, Elsässers, die Kelles, und all die unzähligen
IDPET-Unterschreiber, die Evangelikalen und die Demonstranten gegen
Homoehe in Stuttgart. Und sie machen deutlich, dass jeder Fortschritt weiter
umkämpft sein will. Darum liest man sie dann, die Artikel, und guckt sie,
die Sendungen. Man kann sie nicht ignorieren, denn man muss den Mund
aufmachen für eine Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen kein
Feind ist, sondern im besten Fall solidarisch zur Seite steht.

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OT4 http://mthr.blogsport.eu/2014/01/25/ot4/ http://mthr.blogsport.eu/2014/01/25/ot4/#comments Sat, 25 Jan 2014 19:24:23 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=270 ]]>
peerstallDenn das ist wie sie starb. Ein Herzinfarkt im Transit. Im Zug zwischen Wien und Hamburg. Einmal im Monat, legte sie die zweitausend Kilometer hinter sich. Fuhr die Verbindung ab und kaufte Nachschub an Käsewürsten. Die Fahrten gehörten zu dem Glamour, der sie umgab. Ein Leuchten, dass ihrem Sinn für Details entsprang. Ihre Kneipe war eine Kneipe und nichts anderes. Sie hatte nichts von einem Kaffeehaus, sie war keine Bar, kein Musikschuppen. Zu essen gab es Butterbrot und auf Wunsch Käsewurst. Es gab eine Jukebox, die keine Rücksicht auf allgemeingültigen Geschmack nahm. In den Regalen stand der Alkohol, den man für lange Nächte brauchte und an trüben Tagen genoss. Die Kneipe, erinnerte mich an die Kneipen in meiner Geburtssstadt, wo Frauen nur reingingen, wenn sie ihre Männer abholen wollten, die Skat spielten und Soleier assen bis das Mittag- oder Abendessen auf sie wartete. Vor allem an die ‚Bauernschänke’ in der mein Vater seine Tage mit den ‚alten Kameraden’ verbracht hatte, und in die ich nach der Schule immer ging, um ihm noch ein wenig Taschengeld zu entlocken. Wie stolz er war, wenn ihn die anderen für meinen Opa hielten, wie fremd ihn mir die mitgehörten Fetzen von ‚Bomben’, ‚Schützengräben’ und anderen Unaussprechlichkeiten gemacht hatten. Hier auf dem Kiez hingegen war der Laden tagsüber fast leer und ich fragte mich im Laufe der Jahre oft, warum sie ihn überhaupt tagsüber öffnete. Meine häufigste Antwort war, dass auch ihr der fast leere Raum die Möglichkeit gab mit Gespenstern zu leben, ohne von ihnen berührt zu werden. Als wären die Staubtänze und gelegentlichen Rauchschwaden Leinwände für Projektionen vergangener Zeiten.

Das erste Mal begegnete ich ihr an einem Tag voller lautem Sonnenschein, endlos blauen Himmel und gut gelaunten Leuten, die den Sommer in der Stadt feierten, als käme er nie wieder. Ich fuhr ich mit meinem wenig gepflegten Dreigangrad auf dem Kiez herum und machte mir eine innerliche Notiz darüber, dass ich mich am nächsten Tag mal um die Acht im Hinterrad kümmern müsste und wenn ich schon dabei war, sollte ich wohl auch die Gangschaltung so einstellen, dass das Rad nicht mehr nur im Dritten fuhr. Die ausgeschalteten Leuchtreklamen strahlten eine staubige Dienstmüdigkeit aus. Es fuhren nur wenige Autos. Am Tag gab es nur zwei oder drei belebte Orte hier. Der kleine Bäcker in der Silbersacktwiete, die Spielhalle LasVegas, die rund um die Uhr geöffnet war und ein Imbiss in der Seilerstr, der die besten Pide der Stadt hatte. Zunächst fuhr ich dort hin, hatte dann aber keinen Hunger und lies mich treiben. Bei Licht nahm ich die Häuserfassaden über den sonst so imposant wirkenden Etablissements wahr und entdeckte noch in den frühen Neunzigern, die Spuren des zweiten Weltkriegs.Bomben und Brände hatten Schneisen geschlagen, so dass nur in wenigen Strassen rund um die Reeperbahn intakte Gründerzeitensembeles zu sehen waren. Meist ragten die alten Häuser als Solitäre zwischen flachen Bauwerken der folgenden Jahrzehnte hervor und verwiesen auf die lange Geschichte des Ortes. Ich wusste nicht so recht wohin mit mir. Dieser Zustand war schon chronisch.Zwei Jahre nach der Kleinstadt, war mir immer noch nicht klar, was ich in und von Hamburg wollte. Ausser natürlich, dass es bedeute nicht mehr da zu sein, wo ich herkam.

Der Rhythmus der siebzigstunden Wochen, die ich durch Schule, Erwerbsarbeit, politisches Engagement und Hobbys gehabt hatte war weggefallen und die Tage leer. In Hamburg war, bis auf die Käseüberbackerei, mit der ich Miete und Essen reinholte alles Möglichkeit und nicht Zwang. Nichts schien zu passen. Entweder kamen mir die Orte, Dinge, Ereignisse seltsam leer vor oder ich kam mir seltsam vor. Seltsamkeit war hier zu meinem zweiten Namen geworden. In der Kleinstadt hatte ich nicht dazugehört, aber das war anders. Ich hatte genau gewusst, was ich ablehnte und wo ich abgelehnt wurde und dass ich, mein Heil früher oder später in der Flucht suchen würde. Hier hingegen, am Ziel der Flucht, hatte ich noch nicht mal Widersacher. Ich war den ganzen Tag schon planlos durch die Stadt geirrt und hatte gehofft auf der Reeperbahn ein wenig Abwechselung von dem „Hey, ist das schön, das Wetter ist so toll, wollen wir an der Elbe grillen“- Unwesen meiner Mitmenschen zu finden, vor allem meiner beiden Mitbewohnerinnen. Erika hatte heute, nach einer Woche voller Nachtdiensten frei und lag im Stadtpark und Sabrina sass gerade im Philturm bei ihrem Logikseminar um danach an die Alster zu fahren, wo sie zum Federballspielen verabredet war. Ich hatte, wie fast immer, keinen genauen Plan und so fand ich mich nun hier wieder, wo das rege Nachtleben dafür sorgte, dass auch die Tage eine andere Taktung hatten als im Rest der Stadt. Und meine Hoffnung auf Sommervergessen hatte mich nicht getrogen. In der Clemens-Schulzstrasse war die Tür einer Kneipe geöffnet, bei der schon die Fassade so dunkel aussah, dass sie mich magisch anzog. „Toom Peerstall“, zum Pferdestall also.

Der Laden war, bis auf sie, komplett leer. Ich ging rein und liess den Raum in seinem Halbschattenlicht auf mich wirken. Drei Tische hintereinander auf der linken Seite, dahinter die Jukebox, in einer Nische vor dem nikotinfarbenen Türrahmen, der den Weg zu einem dunklen Gang freigab der Indiana Jones Flipper, der in den kommenden Monaten meine Rettung vor den Anforderungen der Welt sein würde. Rechts der Tresen, sie guckte mich an. Ich guckte sie an und ging zu ihr, setze mich auf einen der Barhocker, guckte auf die Flaschen- und Gläserregale und bestellte einen Kaffee. Meine Stimme klang komisch, irgendwie zu hoch. Das passierte mir öfter, genauso wie die schwitzigen Hände, mit denen ich jetzt meinen Kaffee in einer dicken schmucklosen Tasse entgegennahm. In ihren Kaffee habe ich mich sofort verliebt, er kam aus einer dieser elenden Maschinen mit Warmhaltefunktion, die noch das beste Aroma zu einem bitteren Gebräu mittlerer Hitze verwandeln konnte. Sie war Wienerin, und sie servierte ihn ohne mit einer ihrer künstlich verlängerten Wimpern zu zucken. Sie war im Exil, sie hatte sich dafür entschieden und man konnte es schmecken.
Durchs das Fenster hinten war zu ahnen, dass die Sonne weiterhin schien, aber sie belästigte mich nicht mehr. Meine Schultern sanken herab, ohne dass ich vorher bemerkt hatte, wie nah an meinen Ohren sie gewesen waren. Während ich vom Tresen zu einem der Tische ging und mich mit dem Rücken zum Fenster und dem Gesicht zu ihr hin setzte versuchte ich nichts umzustossen um keinen schlechten Eindruck zu machen. Das Getränk schwappte über, aber das war der einzige Fehler, der mir auf dem kurzen Weg unterlief und ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkte. Sie sass hinter dem Tresen den Kopf auf die Hände gestützt und sah zur Tür. Ihr Gesicht mit seinen vielen Falten unter der ausgeleierten Dauerwelle lag friedlich wie eine Landschaft im Morgengrauen da. Die Ruhe die sie hatte erinnerte mich an endlose Hügelketten über denen sich noch rauchblau die Luft aufwärmte um zum Tag zu werden. Es war das Selbstvertrauen von jemanden, der viel gesehen und wenig bewertet hatte. Es lief keine Musik und ich konnte das Rauschen der Strasse so gut hören, wie das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren. Ausnahmsweise kein bedrohlicher Klang, mehr einer der vielen Rhytmen, die die Großstadt ausmachten. Hier war ein friedlicher Ort. Ich zog das Buch über Körpertherapie aus meiner Tasche und las: „In diesem Buch geht es nicht darum, den Weg zur Erleuchtung zu weisen.“ Insgesamt war das so mit der Theorie: Es gab strahlende Menschen, die ganz mit ihrer Energie im Einklang waren und wo alles sich im „Flow“ befand, und es gab Leute im vollen Körperpanzer mit Stauungen und Stockungen, die den anderen ihre Energie rauben wollten. Ich wusste, von der Erleuchtung war ich weit entfernt und ich konnte nur eins von denen mit der Muskelrüstung voller unguter Erinnerung sein. Hildegard Knef fing an zu singen: „’Ich brauch Tapetenwechsel’, sprach die Birke und macht sich in der Dämmerung auf den Weg“. Ich klappte das Buch zu. Die Birke wanderte von ihrem Wald in die Stadt und endete dort als Möbelstück. Als solche stand sie in der Ecke und Hildegard Knef kam zum Refrain zurück: „Ich brauch Tapetenwechsel …“. War es das, was mit mir passierte? Sollte auch für mich das Versprechen der Großstadt in der Starre enden? Die Tür ging auf. Jemand kam rein, ich traute mich nicht hinzugucken. Ich wollte weder aufdringlich sein noch mich aus der Stimmung des Nachmittages holen lassen. Aus der Rückansicht der Person, die gerade zum Tresen ging und mit einem Kaffee begrüßt wurde, ohne dass sie ein Wort hätte sagen müssen, erkannte ich, dass es eine Frau war. Seltsam beruhigt holte ich eine meiner Mentholzigaretten aus der Schachtel und zündete sie an. Die Birke war endgültig verschwunden und zu dritt im Raum fand ich die Stille anders, schwerer zu ertragen. Nach zwei Zügen stand ich auf und ging zur Jukebox. Das einzige Lied, das ich kannte, war „I am what I am“. Keine schlechte Antwort auf die Birke. Ich warf die Münze, drückte die Zahl und zog mich an den Tisch zurück. Am liebsten hätte ich mich jetzt mit dem Rücken zum Tresen gesetzt, aber ich wusste nicht, wie ich das geschickt hätte tun können. Also setzte ich mich auf meinen alten Platz. Noch ein Zug Menthol und ein suchender Blick durch den Raum, bis ich, direkt neben mir auf dem Stuhl eine Morgenpost fand, in die ich mich vertiefte. Die Zeitung gab mir die Möglichkeit, noch ein bisschen länger zu bleiben und ich las jeden Artikel während mein Kafee kalt wurde. Gloria Gaynor dröhnte dazu aus vollem Hals, wie sie ihr eigenes Blatt austeilte und darin lauter Asse waren und wie sie sich selbst schuf, eine echt spezielle Kreation. Das wollte ich auch sehr gerne, wusste aber nicht genau wie. Stattdessen las ich mal wieder darüber wie in der Flora die Autonomen eine Keimzelle der Anarchie aufbauten. Leider hatte schon jemand das Kreuzworträtsel gelöst und die Zeitung war schnell ausgelesen. Danach ging ich zum Tresen. Ließ mich angucken, guckte, lächelte den beiden zu, konzentrierte mich auf die Münzen in meinem Portemonnaie und darauf, keine von ihnen fallzulassen und ging dann raus in die anbrechende Dämmerung. Die Straßen hatten sich in der Zwischenzeit mit den ersten Vergnügungssuchenden gefüllt und ich fügte mich in den Strom ein. Bei der nächsten Mülltonne, die ich sah, machte ich halt und warf das Körpertherapiebuch weg, auf dass es sein Licht einer Müllkippe spendete.

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Blaues Schwingen http://mthr.blogsport.eu/2013/12/29/blaues-schwingen/ http://mthr.blogsport.eu/2013/12/29/blaues-schwingen/#respond Sun, 29 Dec 2013 09:20:02 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=262 ]]>
Die geografische Mitte Hamburgs ist der Fernsehturm. Zehn gemächlich gegangene Minuten von ihm entfernt, am Park entlang, an der Messe vorbei, ein bisschen links, ein bisschen rechts: Ein Garten. Die Bäume älter als 20 Jahre. Der Teich sumpfig und voller Seerosen. Der Rasen kaputt von zu viel Schatten, zu vielen Festen, zu viel Fußballspiel. Die Möbel von der Witterung stark beansprucht. Die Katzen alt, die Hunde jung. Tagsüber steht die Sonne tiefer als noch vor zwei Wochen, wo der Sommer endlos schien und ich mir Gedanken darüber machte, wie ein dauerhaftes Leben mit Hitze wohl aussehen würde. Wann arbeiten? Wann den Hund ausführen? Wie viele Ausflüge pro Woche, um die Sonne zu genießen?

Zwei Straßen weiter legt der Hamburger Dom einen Gang zu, bevor er in einer Stunde seine Fahrgeschäfte und Buden schließen wird. Menschen kreischen in der Achterbahn und in all den Whirl-arounds und Shoot-me-ups und Make-me-whoopees. Ihr Schreien klingt bis unter die Bäume. Ab und an das drängende Hupen der Raupe: Wööööt, wööööt, wööööt. – Man hört innerlich die Stimmen, die einen zur Fahrt einladen wollen: „Kommen Sie rein! Kommen Sie rein! Hier Emotionen pur.“

Neben dem Wööööööt liegt auch noch ein Huuuuuhuiuiuihuuuu in der Luft. Es ist mächtig. Es fängt mal an, mal hört es auf. Es macht was mit mir. Ich weiß noch nicht was. Ich weiß auch noch nicht, ob ich das will. An dem langen, ehemals roten Tisch unter dem Kirschbaum suchen wir uns bequeme Sitzpositionen. Ich lege meine Füße auf einen leeren Stuhl. Anni setzt sich gerade, und Brando, Brando braucht seine Zeit. In seinem Gesicht ist jeder Muskel angespannt. Das Bier hinterlässt einen kühlen Film auf dem Glas, ich male ein Muster hinein und trinke dann einen Schluck. Das mit dem Bier ist so eine Sache. Silvester hatte ich Lust auf ein Jahresvorhaben. Es sollte nicht vernünftig sein. Also dachte ich, dass man mit über 40 wohl anfangen könnte, mehr als eine Flasche Alkohol pro Jahr zu trinken. Irgendwelche Vorteile muss das Altern ja haben, wenn schon die Zähne schlechter und die Gelenke steifer werden. Die ersten sechs Monate war ich gnadenlos gescheitert. Immer, wenn ich etwas trinken wollte, schien die Gelegenheit nicht günstig, aber seit einer Woche komme ich auf ein halbes Bier am Abend und bin froh. Aus dem Huuuuu wird Whuuuuuuhhhhhhuuu. Mein Schweigen wird melancholisch.

Auf einem der Balkone erscheint Gertrud: „Parademarsch, Parademarsch, der Hitler hat ein Loch im Arsch.“ Kaum hat sie den Satz zu Ende gebracht, geht sie wieder zu ihrem Fernseher.

Brando setzt sich umständlich um und zündet sich dann eine Zigarette an. Die Muskeln um seine Augen ziehen sich kurz zusammen, bevor er wieder ein neutrales Gesicht macht.

„Hast du Schmerzen?“ Ich frage, obwohl ich das selbst nicht gerne gefragt werde, aber Schmerzen gegenüber zu sitzen und nichts zu tun, geht auch schlecht. „Sieht man mir das an?“ Er kommt sich beobachtet vor. „Ja. Kann man denn gar nichts tun?“

Intimität, dein Name sei Nachbarschaft. Ich weiß so viel über Brandos Rücken wie er über meine Zähne: dass ich es zwar inzwischen schaffe, zum Zahnarzt zu gehen, aber das mit dem Kieferchirurgen nicht kann und noch immer keinen richtigen Weg weiß, wie es ablaufen könnte. Er weiß auch, dass man mich nicht oft darauf ansprechen kann, weil ich dann Kopfschmerzen kriege und noch mehr Blockaden. Ich hingegen weiß, dass sein Sohn gerade in die Schule gekommen ist, welche Beulen, Mückenstiche und Schrammen der Junge hat und wie freundlich er ist. Whoooouuuuuuuwhoouuuuuu. Stimmen werden laut.

„Voll geil, da habe ich ihm ein ganzes Pfund verkauft und der hat nicht gemerkt, dass es doppelt teuer war.“ – „Alter, irgendwann kriegste aufs Maul, ich schwör’s dir!“ Das Gespräch läuft hinter dem hohen Metallzaun ab, der unseren Rasen vom anderen Hof trennt. Gebüsch und Bäume auf beiden Seiten garantieren Blickschutz. Aber wie man hier so oft feststellen kann, ist Unsichtbarkeit nicht das Gleiche wie Anonymität. „Quatsch!“ – „Ist der Stress mit deiner Alten eigentlich vorbei?“ – „Will ich nicht drüber reden, die nervt voll. Keine Ahnung, was sie von mir will. Cool ist das nicht.“ – „Gib rüber.“ – „Hier.“

Uuumtschakssssszzzzzzssssswhoouuuhuuuii. Hinter einer mannshohen Mauer, über die man zwar nicht gucken, aber klettern kann, wohnen die Künstler. Sie veranstalten ein Konzert. Wir sitzen mittendrin. Das Jammern der singenden Säge, Anni war es, die das Whoouuuhuuuii zuerst erkannte,schmiegt sich wie Luft um alle anderen Geräusche herum. Der Hund bellt in den Sound. Unsere Gespräche flechten sich in ihn ein. Das Klingeln eines Telefons in einer der dreißig Wohnungen, deren Balkone auf den Garten hin sehen, wird Teil der Komposition. Gertrud kommt wieder auf ihren Balkon und schreit über uns hinweg: „Kohl war auch so ein Arschloch! Nazipack! SS-Schergen! Und Josef Stalin, geboren 1872 –auch so einer von denen. Fett ist er geworden, der Kohl. Aber ich kann meine Pfennige zusammenhalten, das kann ich. Und mit meinem Bein komme ich noch hoch. Soraya, die war eine echte Königin, aber Farah Diva, die war ja aus dem französischen Puff. Das muss man sich mal vorstellen!“ Gertrud lacht. Laut. Täglich zählt sie die Daten ihres Lebens auf, um sich und andere davon zu überzeugen, dass ihr Kopf noch funktioniert. Die Zahlen sind meist richtig, aber die Listen so ermüdend, dass man nach ein, bei geduldigen Menschen zwei Jahren nicht mehr den Versuch eines ernsthaften längeren Zuhörens macht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es darum auch nicht geht, denn Gertrud stellt nie Fragen. Sie singt quasi, mit Liedern als Refrain, den immer gleichen Blues in den Garten mitten in der Stadt. Mit über siebzig hat sie aufgehört zu trinken und nur die Geschichten davon, wie sie einen Balkonpfeiler umarmend im Stehen ihren Rausch ausschlief oder nachts auf der Treppe liegend ihre Arme über den Kopf hob und Ayatollah Khomeini anrief, schwappen noch hin und wieder träge durch die Nachbarschaft. Erzeugen Verwunderung darüber, was alles passieren kann, wenn der Tag lang und das Viertel um uns herum voller wild gebauter Biografien ist.

Ein Bass gesellt sich sanft pulsierend zur Säge. Über uns ist Vollmond.
„Meinst du, die veranstalten da drüben satanistische Rituale?“ – „Bleib mir weg mit dem Scheiß.“ – „Ich frage ja nur, habe letztens im Fernsehen …“ – „Brando, ehrlich, ich will’s nicht hören.“ – „Also, da passieren ja Sachen, ganz in unserer Nähe …“

Schreiend stürzen die nächsten kontrolliert in ihren Wagen die Berge der Achterbahn hinab. Gertrud beginnt zu singen: „Alle Nazis sind schon da, alle Nazis, alle. Hitler, Göring und die Schar …“ Ich denke darüber nach, wie das Viertel wohl in Gertruds Jugend ausgesehen hat. Sicher bin ich nur darüber, dass etwa 500 Meter weiterein Deportationsbahnhof war. Ob Gertrud die Transporte gesehen hat oder ob sie da schon in der Psychiatrie war, weiß ich nicht. Solche Fragen kann man ihr auch nicht mehr stellen. Es sei denn, man akzeptiert ihre Lieder und Weltbeschimpfungen als Antworten.Die Sägenmusik mit ihrer schwingenden Schwermut, Gertrud und der dämliche Vollmond über mir lassen mich die Gedanken schlechter verdrängen als sonst, und ich frage mich, wie ich es in Deutschland aushalte, wo die Kontinuität schon in den Steinen liegt.

„Meint ihr eigentlich, sie haben mit der Mauer, dem Palast der Republik und all den anderen Funktionsbauten schon mehr DDR-Geschichte abgerissen, als sie je Nazigeschichte aus dem Stadtbild gelöscht haben?“ Brando guckt in die Luft und denkt nach. „Naja, Reichtstag, da hilft die Glaskuppel auch nicht so wirklich.“ – Wööt Wööt Wööt. „Haben wir denn noch keine Elf? Ich habe das Gefühl, wir sitzen schon Jahre hier.“ – „Das liegt an dem Konzert. Ich wusste gar nicht, dass man eine singende Säge auch verstärken kann. Wo wohl der Abnehmer sitzt? Meint ihr, der ist am Sägeblatt angebracht? Es klingt so greifbar. Als würde man es nicht wirklich hören. Als würde man es fühlen.“

Ich gucke auf meine Arme, sehe die kleinen Pocken der Gänsehaut und muss Anni recht geben. Die Musik ist gerade irgendwie größer als ihre Physik. Ein Auto fährt durch die Straße. Die Jungs nebenan stellen sich mit Hilfe ihrer Handys neue Lieder vor, ein paar Nachbarn unterhalten sich auf ihren Balkonen, Gertrud singt nun das Rosa-Luxemburg-Lied und alles wird durch die Säge, den Bass und das inzwischen hinzugekommene Jazzschlagzeug verbunden. Entweder haben die Künstler alle Fenster ihrer Galerie offen oder sie lassen direkt draußen musizieren, was konsequent wäre, denn darauf, dass irgendjemand ihre Aktivitäten vielleicht nicht immer mögen könnte, pfeifen sie recht herzlich. Glücklicherweise mag ich manchmal sogar nachts um drei Musik, und nachdem ich mich daran gewöhnt habe, dass sie an ihrem Lagerfeuer oder in der Feuertonne alles verbrennen, was ihnen in die Hände fällt – egal, ob lackiert oder nicht –, gucke ich nicht mehr jedes Mal, wenn der Geruch von Rauch meine Erinnerungen an den Hausbrand von damals weckt, meine ganze Wohnung danach durch, ob irgendwo ein Kabel schmort. Ich habe durch sie gelernt, die Entfernung eines Feuers zu riechen. Kann man damit wohl Geld verdienen? Weiß das jemand?

 

 

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OT3 http://mthr.blogsport.eu/2013/10/28/ot3/ http://mthr.blogsport.eu/2013/10/28/ot3/#respond Mon, 28 Oct 2013 11:14:46 +0000 http://mthr.blogsport.eu/?p=255 ]]> SAMSUNG„Abrakadraba Mr Open Sesame“ Ich hatte die Tanzfläche für mich. Ich hatte das Strobolicht für mich. Meine Beine flogen. Ich nutzte den Raum. Eine Parade über den silbrig schimmernden Untergrund. Ein Sprung, die Arme in der Luft – wenn es gut lief, war ich eins mit der Musik. Die Beats trugen mich weg, von der ständigen Selbstbeobachtung, dem Hinterfragen jeder einzelnen meiner Bewegung. Leila K hypnotisierte mich, jedes ihrer Worte schien unmittelbar Sinn zu machen. „Don’t go run, when your mind can’t work“. Das war ein Schlüssel zu einer anderen Welt. London, Paris, New York oder eben Hamburg St. Pauli. Auf jeden Fall weit, weit weg von den Mauern der Kleinstadt.

***

Wenn es allerdings schlecht lief, fühlte ich die Blicke der Umstehenden auf mir die mir signalisierten, was ich eh schon wusste: Dass der kollektive Körper mich immer ablehnen würde, egal welches Kollektiv. Diese Blicke, die mich in einen Teil der sich bewegte und einen Teil der jede Bewegung auf ihre mögliche Lächerlichkeit hin untersuchte zerissen. Manchmal war ich mir unsicher, ob sie ein visuelles Echo der Kleinstadt waren, ein Loop der Provinz. Egal ob erinnernt oder gegenwärtig: Ein halbes Jahr nun ging ich jeden Samstag ins Camelot und war noch nie mit jemanden ins Gespräch gekommen. Weder an der Bar, noch auf der Tanzfläche, nicht am Rand stehend und nicht in der Schlange vor den Toiletten. Die Blicke hier waren so, dass sie sich festbissen, wenn man nicht drauf achten wollte und an einem abglitten, wenn ich versuchte sie zu konfrontieren. Das Hamburger Camelot war anders als König Artus Schloss nicht aus Steinen gebaut, es war ein Gebilde aus Coolness und Checkertum und jede Fassade war so rutschig, dass man an ihr abglitt, wenn man ins Stocken geriet und nach Halt suchte.

***

Der Club, war eine berühmte Lesbendisco und lag am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn, die eine, selbst für diese Gegend herausragend bunte Mischung an Gastronomie bot. Wenn ich von der U-Bahn Reeperbahn hier her kam, wusste ich nicht, wohin ich zuerst gucken sollte. Die Leuchtreklamen und Schaufenster lockten meine Aufmerksamkeit auf sich und ich vergass den langen Tag in der Buchhandlung, in der ich angefangen hatte, nachdem mir die Croquebäckerei aus dem Halse hing, das kleine Zimmer in Barmbek, mein mühsehliges Versuchen mir hier ein Leben aufzubauen, von dem ich nicht wusste, wie es aussehen sollte. In den Souterrains, Erdgeschossen und Beletagen der Gründerzeithäuser tummelten sich Kneipen wie der „Goldenen Handschuh“, der „Blaue Peter“, das „Spar“, die Bar „Toleranz“ und viel mehr. Die Kneipen waren so unterschiedlich, wie die Leute, die den Hamburger Berg bevölkerten. Hier fühlte ich mich wohl. Vom „Goldenen Handschuh“ munkelte es, dass es dort gefährlich sei, weil Kiezgrößen und Trickbetrüger sich mit Hafenarbeitern und Touristen mischten. Jeder, den ich kannte wusste eine Geschichte über Abzockereien oder Schlägereien aus dem Laden zu berichten, kaum jemand war je drin gewesen. Gegenüber vom „Golden Handschuh“ das „Spar“ ein Laden der eigentlich nur aus einem hufeisenförmigen Tresen bestand und der als „Punkerkneipe“ galt. Vor dem Spar hingen meistens Leute rum, und lehnten mit ihren Bierflaschen an den parkenden Autos. Eine davon kannte ich und wir nickten uns immer kurz zu, wenn ich an ihr vorbei ging um ins Camelot zu kommen. Ich fand sie gut aussehend, war mir aber sicher, dass sie keine Lesbe war, sonst würde sie ja nicht ins Spar sondern ins Camelot gehen. Die Disko meiner Wahl lag im ersten Stock über dem Tempelhof, der berühmt war für seine TripHop und elektronische Musikabende. Nachts, wenn ich keinen House mehr hören konnte und mich die Gleichgültigkeit der coolen Camelotclique endgültig nervte, ging ich gerne runter in den Tempelhof, die Musik war mehr mein Geschmack und es gab dort einen Flipper. Ich liebte Flipper. Flippern, das hieß das Soziale vergesssen können und sich einfach nur auf eine kleine silberne Kugel konzentrieren. Flippern, das war Musik hören und sich dazu bewegen, ohne die Angst zu haben mal wieder im Offbeat zu sein. Flippern war das Gegenteil von Entfremdung. Es war was zu tun. Wenn ich es recht bedachte, mochte ich ungefähr jede Musik lieber, als die trendige Kaufhausmusik im Camelot. Ich mochte den Soul im Soulkitchen, mir gefiel der Punk im Spar, ich konnte mich dabei ertappen im Gunclub fröhlich zu Independendklassikern zu wippen und auch mit den Schlagern im La Paloma kam ich irgendwie klar. Nur Plastikhouse, fand ich langweilig. Leider musste man sich entscheiden: Angenehme Musik und heterosexuelles Publikum oder doofe Musik und Lesben. Da ich mich irgendwie entschieden hatte lesbisch zu sein, musste meine Musikvorlieben halt Samstags leiden und ich musste und wollte Szenen ertragen wie die, als ich eine Frau darum bat mir Feuer zu geben und sie mir mit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Gesicht ihr brennendes Feuerzeug hinhielt, so kurz, dass ich nur knapp die Zigarette anbekam, lang genug um mich ihre Ablehnung jeglicher Kontaktaufnahme spüren zu lassen. Es war eine Welt der Abenteuer und ich 20.000 Meilen unter dem Meer.

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Wach war ich noch nicht richtig. Hunger hatte ich aber schon. Und ich wollte raus aus der Wohnung, in der mein Bruder zwei Zimmer weiter schlief. Die Stadt, die mein Zuhause werden sollte, machte mich unruhig. Aus den Sprossenfenstern des kleinen Zimmers neben der WG-Küche sah ich, dass die Sonne schien, zog mich an und machte mich auf nach draußen. Ich ging vom stillen und mit selbstgebastelten Beeten verschönten Paulsenplatz durch die Mistralstraße und ignorierte den kleinen Lebensmittelladen dort. Die Brötchen schmeckten nicht und waren zu teuer. Dann ging es über die mit Autos dichtgepackte Stresemannstraße und eigentlich zum Schulterblatt. Ich wusste, dass ich dort Käse, Brötchen und Zeitung bekommen würde und ich war mir sicher, den Weg zurück ohne Stadtplan zu finden. Plötzlich wurde Hamburg allerdings furchteinflößend. In der Susannenstraße stand ich einer Reihe heftig uniformierter Polizisten gegenüber, die mir meinen Weg zu den sicheren Backwaren versperrten.

„Sie kommen hier nicht durch.“
„Wie bitte? Warum nicht.“
„Hier ist gesperrt.“
„Aber ich muss zum Einkaufen“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Sie waren größer als ich und doppelt so breit. Ich meine, jeder von ihnen. Mit ihren Schulterpolstern und Riesenbrustkörben, ihren Knieverstärkungen und Schienbeinschonern sahen sie unwirklich aus. Wie Roboter in einem Batmancomic. In Düsseldorf oder bei unseren selbstorganisierten Schülerdemos hatte ich solche noch nie gesehen. Ich kam nicht an ihnen vorbei. Ich hatte Hunger.

„Und wie soll ich jetzt an Brötchen kommen?“
„Sie können hier nicht durch.“
„Was ist denn überhaupt los?“
„Sie kommen hier nicht durch.“

Das Sprachprogramm war offensichtlich eingeschränkt. Ich gab auf und ging zurück auf die Stresemannstraße. Nach rechts runter ging es Richtung Innenstadt, nach links nach Altona, soviel hatte Bernhardt mir erklärt. Ich ging nach rechts und versuchte in der Lerchenstraße noch mal mein Glück. Wieder das gleiche Spiel:
„Sie können…“
„Ja, ja, schon gut.“
Das wurde wohl ein längerer Ausflug und ich hoffte, dass Bernhardt noch nicht aufgestanden war. Nicht dass er sich noch Sorgen um mich machte. Andererseits hatte er den Konflikt ja von Anfang an mitbekommen und wusste, wie unberechenbar die Situation derzeit war. Er hatte mir erklärt, es gehe um die Flora, ein Gebäude in dem früher mal ein Theater war, dann ein Kino und bis vor Kurzem ein riesiges Geschäft mit Haushaltswaren. Nun sollte da ein Musicaltheater rein – „Phantom der Oper“ – und die Leute haben sich gewehrt und das Haus besetzt. Ich war da schon öfter vorbei gegangen und hatte immer welche gesehen, die gerade an einer Art Park hinter dem Gebäude arbeiteten. Durch die Zäune ums Gelände habe ich mich nicht getraut, weil ich nicht wusste, was hätte sagen sollen, wenn mich jemand was gefragt hätte und jetzt mit den Polizeiketten traute ich mich erst recht nicht dahin. Es war ein zerrissenes Gefühl. Einerseits hätte ich gerne da mitgemacht. Ein Haus besetzt. In meiner Kleinstadt kannte ich mehrere Punks in besetzen Häusern und es hatte mir dort gut gefallen. Besser als Zuhause. Immer hatte ich davon geträumt abzuhauen. England war mein Ziel und ein Teil der Planung wäre das Wohnen in besetzen Häusern auf dem Weg dorthin gewesen. Und jetzt gab es hier eine frische Besetzung, aber ich wusste einfach nicht, wie ich mich ihr nähern sollte und die Polizei sagte deutlich, dass dort niemand etwas zu suchen hätte. Es waren ja nicht nur die Ketten. Die Zeitungen, die ich täglich las, berichteten vom „Krieg in der Schanze“ und den „gewaltbereiten Autonomen“ und ich war, obwohl wenige das von mir glaubten, schüchtern. Mir fiel es ja schon schwer, in einen Laden zu gehen und irgendetwas zu bestellen. Wenn die Leute meinen Dialekt nicht verstanden, war es, als würden sie ein Loch unter mir graben und ich konnte froh sein, wenn ich es mit dem gewünschten Produkt aus dem Geschäft heraus schaffte. Mit dem gleichen Dialekt dann zu BesetzerInnen zu gehen, stellte ich mir ungefähr so vor:
„Kann isch hier wat mitmachen?“
„Häh?“
Grauenvoll. Also ließ ich es und beobachtete stattdessen interessiert bis verängstigt die Geschehnisse.

Gestern Nachtmittag hatte ich auf dem Küchenbalkon der Altbauwohnung gesessen, in der Bernhardt mit zwei anderen wohnte, und staunend die 20 Transporter der Polizei gezählt, die den kleinen Platz vollkommen zustellten. Über dem Viertel waren Hubschrauber geflogen und ich überlegte, wie ich wohl am nächsten Montag zu der Kneipe in der Hallerstraße kommen sollte, in der ich ein Vorstellungsgespräch hatte.

Am Pferdemarkt dann endlich kam ich aufs Schulterblatt, und auch die fünfhundert Meter bis zur Bäckerei Stenzel waren passierbar, Dort versorgte ich mich mit Croissants, Franzbrötchen und Brötchen. Draußen an ihrer Glastür hatten sie ein Schild hängen, „Für Polizisten kein Kaffee“, und ich fand das sympathisch. Mit den Brötchen bewaffnet ging ich noch zum Käseladen gegenüber, kaufte ein und blickte aus dem Fenster auf die Kopfsteinpflasterstraße, auf der sich neben der Bank schon wieder Ketten von Polizisten formierten. Sie schienen überall zu sein. Als würden sie aus den Gullis wachsen. Mist, dabei hatte ich in dem kleinen portugiesischen Weinladen noch einen Milchkaffee trinken wollen. Aber, da kam ich wohl auch wieder nicht hin. Also zurück zum Pferdemarkt.

„Hier kommen Sie nicht durch.“
„Ich muss aber nach Hause.“
„Dann zeigen Sie mir ihren Ausweis.“
Ich kramte in meiner Tasche, zog den Perso raus und wusste schon, was jetzt kommen würde:
„Aber Sie wohnen doch im Rheinland.“
„Nein, ich wohne hier, am Paulsenplatz.“
„Dann müssen Sie sich aber schleunigst ummelden.“
„Habe ich ja vor, aber jetzt möchte ich nach Hause.“
„Tja, dann müssen Sie wohl durch die Juliusstraße zur Sternschanze und über die Altonaerstraße wieder zur Stresemann.“
„Herzlichen Dank für die Wegbeschreibung.“ Oh, Mann. Und ich war auch noch darauf angewiesen, von diesen Kriegsgestalten Orientierungshilfen anzunehmen.

Bernhardt empfing mich an der Tür, als ich es eine Stunde später wieder in die Altbauwohnung mit ihren sagenhaften drei Balkonen und dem Therapiezimmer mit eigenem Eingang vom Hausflur geschafft hatte. „Wo warst du denn? Ich muss jetzt zur Uni. Besprechung mit meinem Prof. Hier ist der Schlüssel. Den hat mir Ann-Kathrin gestern wiedergegeben. Pass gut drauf auf. Hast du da Franzbrötchen?“
Ich gab meinem Bruder eins und er rannte los, noch bevor ich ihm von der Polizei erzählen konnte.

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„Ich weiß nicht, vielleicht nehme ich ein Buch mit. Simone de Beauvoir, das sieht schlau aus, ist feminstisch und ich hab schon lang nicht mehr darin gelesen.“ Sabrina guckte erst mich und dann Erika skeptisch an: „Aber das ist auch sooooowas von angebermäßig, wer nimmt schon ein Buch mit in die Kneipe. Ich wäre für den Spiegel.“
Erika und ich starrten sie an: „Den Spiegel?“ „In die Frauenkneipe?“

***

Wir waren zu dritt auf sechzig Quadratmetern. In der obersten Etage einer Barmbeker Mietskaserne aus roten Backstein, in einer Reihe roter Backsteinhäuser gegenüber von roten Backsteinhäusern. Acht von den sechzig Quadratmetern waren meine. Ich hatte eine achtzig Zentimeter breite Matratze, eine Abenteuer-Alukiste für meine Kleidung, mein Saxophon und ein paar Bücher drin, und damit war das Zimmer mehr als gut gefüllt. Experimente von führenden Wissenschaftlern hatten ergeben, dass ich mich einmal quer und zweieinhalb mal längs ausstrecken konnte in dem Raum. Es war klein, aber das Fenster war im Verhältnis noch kleiner. Wenn jemals die Sonne schien, dann blieben die Lichtverhältnisse im Raum komplett unverändert und es wirkte, als hätte ich nur ein Bild an der Wand ausgewechselt. Eine Backsteinstudie in Rot und Grau gegen eine Backsteinstudie in Rot und Blau getauscht. Dafür zahlte ich auch nur 200 Mark und das hieß, weniger Croques backen in Harvestehude als bei jedem anderem Zimmer, das ich hätte haben können. Croques backen war meine Arbeit. Ich war aus der Kleinstadt im Rheinland geflohen, um nun in Hamburg Baguettes mit Käse zu überbacken und mir die Hafenluft um die Nase wehen zu lassen. Eine aufsehenerregende Karriere, fand ich. Immerhin war ich 400 Kilometer weit gekommen und versuchte mein Glück ohne einen anderen Plan, als weg zu sein von allem Vertrauten.
Zwanzig Meter von unserem Hauseingang gab es eine Art Portal, das in einen Hinterhof führte, den wir nie betraten, weil es sich nicht anbot. Das Portal wurde von kraftvollen Stahlpanthern bewacht und ich fühlte mich, wenn ich unter ihnen herging, als würden sie in meinen Nacken den Geist der 30iger Jahre atmen, in denen sie geschaffen worden waren. Unsere Wohnung in diesem Ensemble hatte zwei Meter hohe Decken und ich konnte, ohne mich auf Zehenspitzen zu stellen, die Raufasertapete über mir mit ausgestreckten Armen berühren. Kein schönes Gefühl. In Barmbek Anfang war der Neunziger war noch nicht mal der Hund begraben. Keiner hätte einem geliebten Haustier diese Ödnis angetan. Wir hingegen waren jung, so um die zwanzig, wollten selbstständig sein und konnten uns hier die Miete leisten. Erika war Krankenschwester im Krankenhaus um die Ecke, Sabrina studierte Philosophie, spielte Schach und hörte ständig Wagner. Nietzsche war ihr Liebling. Erika hatte auch Hobbys, sie ging gern zum Volleyball, machte ausgedehnte Radtouren mit ihrem Freund und spielte Gitarre. Zu dritt sahen wir zu, dass wir viel ausgingen und von Barmbek aus war der Kiez ein Muss. Alleine schon die Neonreklamen, die vielen Lichter, die Menschen, die immerhin auf der Suche nach Vergnügen waren, so wie wir was erleben wollten, Anregungen. In Barmbek schien das niemand zu wollen. In Barmbek war das Beste, was uns passieren konnte, der Tag als die Filiale einer bundesweiten Kneipenkette, die wir natürlich verachteten, aufmachte und tatsächlich einen Flipper hatte. Also blieb uns in Barmbek nichts anderes übrig, als zur verachtetenden Kette und dem Flipper zu gehen, wenn überhaupt mal was passieren sollte. Auf dem Kiez hingegen – unendliche Weiten. Menschen aus der ganzen Welt. Indie-Schuppen, Punkschuppen, Bierkneipen, Table-Dance, Glücksspiel. Alles war möglich, wenn wir uns nur trauten.

***

„SAARLANDSTRASSE“. Der Zug zog uns voran in unsere Zukunft als Frauenkneipenkennerinnen. Es gab kein Entrinnen. Nichts würde mehr zwischen mir und der Erfahrung stehen. Mein Hals wurde trocken. Ich erlaubte meinen Händen kein Zittern, meine Knie wurden weich. Beim Blick aus dem Fenster wurde die Stadtlandschaft zum Super-8-Film. Obwohl sie sich U-Bahn nennt, fährt die Hamburger U3 die meiste Zeit oberirdisch und so verwandelt sich Backsteinhausen in Schrebergartenparadies hin zu „so sieht also eine Villa aus, und wer lebt da wohl drin?“, bis wir endlich in der Schanze ankamen. „Wir müssen da ja nicht wirklich rein.“
Sabrina streckte tapfer das Kinn die Luft: „Wenn eine von uns wirkliche Bedenken hat, gehen wir einfach an dem Schuppen vorbei, die Bernstorffstraße runter, und dann nichts wie hin zum La Paloma.“ Das war ihre Lieblingskneipe. Von einem Düsseldorfer Künstler am Hans-Albers-Platz gegründet, war sie für mich irgendwie vertraut. Ich wusste noch, wie man sich verhielt, wenn Grönemeyer den Westen besang und Westerhagen mein Prinz sein wollte, aber eigentlich wollte ich es schon nicht mehr wissen. Die Typen in ihren „lässigen“ Anzugversatzstücken – trägt der eine die Anzugshose zum T-Shirt, so der andere das Jackett zur Jeans – fielen mir genauso auf die Nerven wie die Mädchen mit Lederjacken und engen Hosen mit denen sie flirteten. An diesem Abend im La Paloma zu enden wäre eine Schmach, so groß, als würde ich zurück zu Muttern ziehen.

***

Bestimmt drei Meter lang und achtzig Zentimer breit hing das Schild über der Fenstreihe des pavillionartigen Vorbaus der „Frauenkneipe“. Die Ampel an der Stresemannstraße war noch rot. Wir guckten auf das Schild. Wir schwiegen. Ich legte kurz meinen Arm auf Erikas Schulter. Sie machte eine Bewegung leicht nach vorn. Autos rasten an uns vorbei. Auf der Verkehrsinsel zwischen uns und dem Abenteuer standen Plakate mit Kreuzen und Teddybären drauf und daneben standen Blumen. Ein Plakat zeigte ein Verkehrschild mit einer 30.
„Was das wohl soll.“
„Hast du das nicht gelesen? Hier ist vor ein paar Monaten ein Kind von einem Lastwagen überfahren worden und die AnwohnerInnen wollen jetzt, dass hier nicht mehr schnell gefahren werden darf.“
„Oh Mann.“
Es wurde grün. Erika ging vor uns in ihrem Krankenschwestergang. Zügig, energisch. Sie hatte schon die Klinke in der Hand, als wir noch nicht den Fuß auf den ersten Treppen hatten. Sie guckte uns nochmal an. Jede nickte und Erika machte die Tür auf. Die Gespräche in der Kneipe stoppten. Die Blicke richteten sich auf uns und mein Alptraum wurde wahr: Eine ganze Riege von Frauen – waren das Frauen? – an der Theke drehte sich um und musterte uns von Kopf bis Fuß. Ich nahm nur noch Fetzen wahr. Mein Blut rauschte durch die Adern. Ich sah eine Lederjacke, unter der eine Frau nichts anderes trug. Ich sah kurzgeschnitte Haare. Ich sah extrahohe Doc Martins. Ich fühlte Erika, die nach vorne ging hin zu dem einzig freien Tisch. Ganz hinten in der Ecke. Ich schluckte und bemühte mich nicht zu rennen. Sabrina stolperte kurz in mich hineinen. Endlich. Der Tisch. Wir sassen. Die Stimmen huben wieder an. Die Blicke wandten sich ab. Alle Blicke, auch die der Tresenkraft. Wir hatten es geschafft. Dachten wir. Bis wir merkten, dass wir noch keine Getränke hatten und was ist eine Kneipenbesuch ohne einen legtimierenden Drink? Peinlich. Genau. Wir warteten und warteten. Sabrina war es die sagte: „Scheiße, da hängt ein Schild mit ‚Keine Tischbedienung’ über dem Tresen.“ Das einzige was ich erwiedern konnte war: „Lass uns ne Münze werfen. Freiwillig gehe ich da nicht hin.“

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